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Aktuelle Informationen
25. März 2011
Bericht zur Veranstaltung der Fachgruppe Gymnasium der GEW Niedersachsen
Hirnforschung und Lernen – Gelingensfaktoren aus Sicht der Neurowissenschaften
oder
„Wer hat, dem wird gegeben!“
FORUM GYMANSIUM 2010: Dr. Zrinka Sosic-Vasiv, Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Universität Ulm.
„selbst ständig lernen -Wie lernt das Gehirn? Erkenntnisse der Hirnforschung“. So lautet die Überschrift des Power-Point gestützten 75-Minutenvortrags von Frau Dr. Sosic-Vasic am 25. November, 2010, im FZH „Lister Turm“, Hannover, vor 65 TeilnehmerInnen. Mit der Überschrift wird zugleich deutlich, unser Hirn lernt ständig und es lernt selbst, selbstständig, einzigartig und individuell; niemand kann Lernen verhindern, aber auch niemand kann Lernen für jemanden übernehmen. Dies enthebt die Lehrenden nicht von der Verantwortung, Lernumgebungen so zu gestalten, dass optimale Lernbedingungen entstehen. Die Hirnforschung hat hierzu entscheidende Forschungsergebnisse mitzuteilen. Frau Zrinka Sosic-Vasic überzeugt durch Schwung, Charme und Kompetenz. Hier wird der Versuch gemacht, einige der Erkenntnisse (im Bewusstsein vieler Verkürzungen) zusammenzufassen:
Mit dem Begriff der Neuroplastizität werden aktivitätsabhängige Herausbildungen von Synapsen und deren Synapsenstärke im Gehirn erfasst. Damit beschreibt der Begriff neurophysiologisch die „materiale“ Basis von Lernprozessen und Gedächtnisleistungen. Semantisch bedeutet Lernen „laists" (gotisch) = Spur. Metaphorisch ausgedrückt meint Lernen, dass wie beim Pflügen Spuren, (im Hirn) hinterlassen werden. Die Prozesse der unterschiedlichen Geschwindigkeit der Ausbildung dieser Synapsen, aber auch der Energieübertragungen ergeben sich einerseits durch Anlagen (Genetik), andererseits aber auch durch Einwirkungen der (Lebens-) Erfahrungen. Die Unterschiede von Lernschnelligkeit von Menschen, hat also angeborene Konstanten, sodass von Geburt (auch schon vorgeburtlich) an große Ungleichheiten bestehen. Leider(!?) muss das Bibel-Zitat (Matthäus) bestätigt werden: „Wer hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird genommen werden“.
Das Häkel-Kurs Experiment: Frau Sosic-Vasic bittet mehrere Damen und Herren aus dem Publikum nach vorne. Es geht darum, sich entsprechend der Anweisungen auf einer Plus-Skala aufzustellen:
Ich kenne jemanden der Häkeln kann/1.Ich habe schon mal eine Häkelnadel gesehen/2.Ich kann einen gestrickten von einem gehäkelten Topflappen unterscheiden/3. Ich weiß, was eine Luftmasche (beim Häkeln) ist/
4.Ich habe schon selber eine Luftmasche gehäkelt/5.Ich weiß, was eine feste Masche (beim Häkeln) ist/6.Ich habe schon selber eine feste Masche gehäkelt/7.Ich weiß, was ein Stäbchen (beim Häkeln) ist/8.Ich habe schon selber ein Stäbchen gehäkelt/9.Ich habe schon mal ein komplettes Teil nach Anleitung gehäkelt/10.Ich habe schon mal ein komplettes Teil ohne Anleitung gehäkelt (und es ist trotzdem was draus geworden)/11.Ich habe mir schon selber weitere Häkelmaschen ausgedacht.
Je nach Aufstellung ergibt sich große Heiterkeit im Plenum! Es ist klar, wo die Männer stehen, aber auch bei Frauen variieren die Positionen deutlich. Die Aufstellungen verdeutlichen, Lernen ist etwas sehr individuelles; welche „Gebrauchsspuren“ im Gehirn hinterlassen werden, hängt eben von individueller Erfahrung (Lernbiografien) ab. Da fortlaufend neues Wissen generiert wird, wenn es an vorhandenes Wissen andockt, stellt sich besonders die Frage der inhaltlichen Anlage der Lernarrangements. Aber besonders die Heterogenität der Wissensbestände der Lernenden verlangt differenzierte Formen des Lernens.
Die Schülerin/der Schüler muss eine Bedeutsamkeit für sein Lernen erkennen, einen Sinn wahrnehmen, nur das schafft Motivation und ermöglicht Lernen: „Das einzige Ziel, gegen das ein Mensch sich nicht wehrt, ist sein eigenes.“ (Reinhard Sprenger). In der Schule erleben wir viele Festlegungen von außen in Bezug auf das zu Lernende. Wahlfreiheiten ergeben sich allenfalls durch unterschiedliche Lernwege, Lerntempi, Lernpartner und Lernmaterialien. Lernen muss konkret und mit Aktivität verbunden sein; es bedarf wiederholender Handlungen, damit es gelingt und das Gehirn eigenständig bedeutsame Regeln extrahiert.
Lernen kann nur im angstfreien Raum gelingen. Wird unter Angst gelernt, steigen gewissermaßen beim Abruf von Wissen und Erfahrungen, aber auch bei Neuaneignung in ähnlichen Situationen die negativen Gefühle mit auf, was sich lernblockierend auswirkt (Mandelkernaktivierung - Fluchtverhalten). Zudem motivieren den Menschen Lust und Belohnung, denn „das Frontalhirn speichert den belohnenden Wert und die damit verbundene Erfahrung. Es aktiviert Verhaltensweisen in der Zukunft, die ähnlich belohnend wirken“ (Sosic-Vasic, Powerpoint). Die Ausschüttung von Dopamin, ein Neurotransmitter, erfolgt bei Erfolgserlebnissen, es wirkt wie eine Art Glückshormon. Der Mensch befindet sich in einem besonderen Bewusstseinszustand, denn dieses Erleben geht einher mit positiven Gefühlen wie Glück und Zufriedenheit sowie der Freude über den Erwerb und die Erweiterung von Fähigkeiten und das Gefühl von Kontrolle (Aktivierung des Nucleus accumbens - spielt eine zentrale Rolle im Belohnungssystem des Gehirns). Die handelnden Personen sind konzentriert, motiviert, aktiv, stark, kreativ. Nur in positiv emotionalen Kontexten können sich also Lernmotivationen entfalten.
Als Folgerungen, die Frau Sosic-Vasic zieht, ergeben sich:
- „Autonomieunterstützendes Verhalten des Lehrers geht auf Seiten der Schüler mit höherem Engagement und höherer Anstrengungsbereitschaft einher / Autonomes Lernen auf Seiten der Kinder ist positiv korreliert mit höheren akademischen Leistungen.“ (in der Präsentation erfolgen viele Literaturverweise/Belege)
- „Autonomieunterstützendes Verhalten des Lehrers geht auf Seiten der Schüler mit erhöhtem Interesse am Fach einher) / Autonomes Lernen hat eine größere Verarbeitungstiefe und besseres Behalten zur Folge.“ (in der Präsentation erfolgen viele Literaturverweise/Belege)
- „Autonom lernende Kinder bevorzugen es, optimal herausfordernde Aufgaben zu lösen und nicht etwa die leichten Aufgaben / Extrinsische Motivation hemmt kreative Prozesse.“ (in der Präsentation erfolgen viele Literaturverweise/Belege)
(Sosic-Vasic, Powerpoint)
Es ergibt sich also die Notwendigkeit von Eigenständigkeit/Autonomie, Eingebundenheit und Erfolgserlebnissen (E3), damit Lernprozesse gelingen.
Im zweiten Teil der Veranstaltung arbeiten und diskutieren die TeilnehmerInnen im Rahmen eines „World-Cafes“ zu Umsetzungsfragen im Schulalltag, orientiert an den Fachbereichen des naturwissenschaftlichen Bereichs (Moderation: Christian Pütter, Studienseminar Hannover I), des Fremdsprachenbereichs (Moderation: Jörg Kenter, stellv. Schulleiter im Ruhestand, Leer) und des gesellschaftswissenschaftlichen Bereichs (Moderation: Angelika Liebrecht, Beraterin für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Coach/Mediatorin, Hannover). Was bedeuten also die Erkenntnisse der Hirnforschung für unseren Unterricht (auch für schulisches Leben allgemein)? Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen werden abschließend unter der Leitung von Frau Liebrecht im Plenum vorgestellt und diskutiert. Die fachspezifischen Aspekte werden hier in der stichwortartigen Sammlung nicht aufgenommen.
Es finden sich folgende Wünsche/Fragen:
- Wie (Wer öffnet?) können wir Zeit und Räume öffnen?
- Wie (Wer kann?) können wir eine Lehrplan-/Kerncurricularevision erreichen?
- Wie (Wer definiert) können wir die Bedeutsamkeiten des Lernens definieren? Wie (Wer öffnet?) können wir die Diskussion darüber öffnen?
- Wie (Wer klärt?) können wir eine Klärung des Kompetenzbegriffs erreichen?
Wie (Wer kann?) können wir Kompetenzraster (auf Schülerebene) formulieren?
Es finden sich Überlegungen in Bezug auf Möglichkeiten und Voraussetzungen/Forderungen zur Umsetzung:
- Schule inhaltlich: Vertrauen in Menschen in ihrer Verschiedenheit und ihre entsprechenden Entwicklungspotenziale entwickeln.

- Schule organisatorisch: Organisationsentwicklung entfalten; Schüler bestimmen Unterrichtsverlauf und Inhalte mit.

- Weitere Bildung: Kooperation mit Hochschulen und entsprechender Lehrerinnenausbildung.

- Gesellschaft: Weniger Angst und mehr Kreativität für die Gesellschaft insgesamt.
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