Ganztagsschule

Hoffnungsträger für die Ganztagsgrundschule?

Unabhängig davon, ob man Veröffentlichungen aus den 70er Jahren, die neue Bertelsmann-Studie oder die letzten Jahrgänge der E&W zur Hand nimmt: es finden sich viele gute Gründe für Ganztagsschulen. Auch wenn Niedersachsen bundesweites Schlusslicht im Ganztagsschulausbau ist, werden immerhin etwa ein Drittel der Grundschulen ab dem nächsten Schuljahr Ganztagsschulen sein. Nun fragen sich nicht nur Schulleitungen und Lehrkräfte, wie sie den Ganztag gestalten sollen, es fragen sich auch die „externen Partner" der Ganztagsschulen, wie das gehen kann. Wie kann es gelingen, den Bedürfnissen der Kinder im Ganztag zu entsprechen, und wie will man dies gemeinsam realisieren?

Den im Februar 2012 in Hannover von der Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen Nds./HB e.V. als Träger der freien Jugendhilfe veranstalteten Fachtag zum Thema „Ganztag in der Grundschule – geht das gut?" besuchten erwartungsgemäß vor allem ErzieherInnen und KoordinatorInnen – gemeinsame Fachtagungen von Schule und Jugendhilfe finden fast nicht statt.
Kooperative Ganztagsbildung in der Grundschule?

In Publikationen ebenso wie in Alltagserfahrungen von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften an Ganztagsgrundschulen zeigen sich so große Unterschiede im professionellen Handeln und im Bildungsverständnis, dass die viel beschworenen Synergie-Effekte für beide Professionen eher bescheiden ausfallen müssen. Die Zusammenarbeit beschränkt sich oft auf die Ko-Existenz im gleichen Gebäude, obwohl es konzeptionell viele gute Gründe für eine integrierte oder mindestens kooperative Ganztagsbildung gibt. Ganztagsgrundschule ist nicht nur ein schulisches Projekt, sondern ein gemeinsames von Schule und Kinder- und Jugendhilfe.

Einzelne Kommunen, wie z.B. Göttingen, Oldenburg und auch Hannover, haben mit viel Mühe und Engagement Konzepte entwickelt, in denen die Erfahrungen der Jugendhilfe in die Kooperation mit der Schule einfließen und die mageren Verbindlichkeiten durch eine größere Verlässlichkeit ersetzt werden. Jugendhilfe- und Schulplanung arbeiten idealerweise an gemeinsamen Konzepten, um die pädagogischen Kompetenzen aus beiden Systemen zusammenzuführen und einen guten Ganztag in der Schule schaffen zu können.
Die sich umwandelnden Schulen sind darauf angewiesen, mit „externen", nicht-schulischen Partnern zusammenzuarbeiten. Neben Vereinen, Verbänden, Musikschulen etc. bieten sich in erster Linie Träger der freien Jugendhilfe an, die bereits Horte, Hausaufgabenbetreuungen, Über-Mittag-Angebote, Ferienangebote und/oder offene Kinder- und Jugendarbeit professionell betreiben.

Den Kindern gerecht werden

Die Hauptreferentin der Fachtagung, Oggi Enderlein, stellte als zentrale Frage in den Raum, wie eine Ganztagsschule aussehen muss, damit sie den Kindern gerecht werden kann. Jede Ganztagsgrundschule müsse sich fragen: was wollen und was brauchen Mädchen und Jungen, die einen großen Teil ihres Tages an dieser Schule verbringen? Was sind die Entwicklungsinteressen der Mädchen und Jungen? Wie lässt sich Partizipation realisieren?

Verlust von pädagogischer Qualität durch die Hintertür der Ganztagsschule?

ErzieherInnen, die vom Hort in die Ganztagsgrundschule wechseln, sind bestürzt: Sie erleben einen großen Unterschied in ihren Arbeitsbedingungen, obwohl ihre Arbeit mit den gleichen Kindern und dem gleichen Arbeitsauftrag wie zuvor im Hort stattfindet. Zum Schutz der Kinder werden im niedersächsischen Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (KiTaG) Mindeststandards definiert. Für die Schulkinder in der Offenen Ganztagsschule gelten diese allerdings nicht. In niedersächsischen Horten wird eine Gruppe von maximal 20 Kindern von mindestens zwei pädagogischen Fachkräften betreut. Die Schulklassen sind dagegen in der Regel größer und werden nur von einer Lehrkraft betreut. In den Nachmittagsangeboten an Ganztagsgrundschulen wird dieser niedrige Personalschlüssel beibehalten bzw. noch verschlechtert.
In Horten sind Leitungsfreistellungen und Verfügungszeiten z.B. zur Vorbereitung von Angeboten und für Elterngespräche fest geregelt. Verfügungszeiten werden auch im Ganztag vom gesamten Kollegium gebraucht, ergänzt um Zeiten für den Austausch, für die Kooperation, für Fachberatung und für Fortbildung. In den Ganztagsschulkonzepten hingegen wird dies selten berücksichtigt.
Grafik Ganztagsgrundschule Bertelsmann-Stiftung Bei der Umwandlung in eine Ganztagsschule tauchen schnell Fragen nach Räumen auf: wo können die Kinder Mittag essen, wo können sie Hausaufgaben machen, wo spielen, toben, sich zurückziehen, ins Gespräch kommen? In Horten gibt es nach dem KitaG einen Gruppenraum (mind. 2 qm pro Kind) und mindestens noch einen weiteren Raum, außerdem eine Küche und ein Außengelände. Die Raumsituation an Schulen jedoch ist sehr unterschiedlich: sie kann besser, sie kann besser sein, ist aber häufig deutlich schlechter, wenn z. B. nur das Klassenzimmer für Ganztagsangebote zur Verfügung steht. Raumstandards sind hier also ebenso nötig wie neue Konzepte zur Nutzung von Räumen.
Es ist ohnehin nicht nachzuvollziehen, warum Kindern, die ihren Nachmittag in der Schule verbringen, weniger Bezugspersonen, weniger Raum und weniger gut vorbereitete Fachkräfte zur Verfügung stehen sollten als Kindern, die ihren Nachmittag im Hort verbringen. Und es ist schwer verständlich, warum sich Schulen darauf einlassen, die pä-dagogischen Standards abzusenken. Auch nicht, wenn das Schulangebot kostenfrei und das Hortangebot kostenpflichtig ist.

Kooperation statt Ko-Existenz

Das Beziehungsklima und damit die Qualität der Schule hängen von der Verzahnung der Arbeit von LehrerInnen und den anderen pädagogischen Kräften an der Schule ab. Die Partizipation an Gestaltung und Planung des Ganztags muss für alle Beteiligten gelten und selbstverständlich werden. Um eine Schulkultur zu verändern, reicht es nicht aus, der Jugendhilfe einfach Räume in der Schule zuzuweisen. Man muss sich regelmäßig sehen, sich austauschen und zusammen an einem Konzept arbeiten. Der externe Partner muss zum Kooperationspartner werden, mit dem gemeinsam ein guter Ort für Kinder geschaffen wird.

Stefanie Lüpke
Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen Nds./HB (lagE e.V.)