Ganztagsschule

Verlässliche Ganztagsangebote erhöhen die Bildungschancen der Kinder

Niedersachsen hinkt der Entwicklung hinterher

Zwei aktuelle Studien haben den Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland untersucht. Das zentrale Ergebnis der Studien lautet: Zwar arbeitet mittlerweile bundesweit jede zweite Schule als Ganztagsschule, aber es fehlt an übergreifenden Konzepten und Qualitätsstandards. Ganztagsschulen arbeiten bisher in höchst unterschiedlichen Organisationsformen und Typen: Offene, gebundene oder teilgebundene Ganztagsschulen, also Schulen mit freiwilliger bis verpflichtender Teilnahme, unterscheiden sich erheblich in Zeitstruktur, Kooperationsformen, Angeboten und individueller Förderung.

verlaessliche ganztagsangebote grafik

Die Studie „Ganztagsschule als Hoffnungsträger für die Zukunft?" des Deutschen Jugendinstituts (DJI) kommt zu dem Schluss, der bisherige Ausbau mit seinen vielen unterschiedlichen Organisationsformen des Schulalltags sei „eine Reise in die Zukunft ohne klares Ziel", so Bildungsforscher Prof. Thomas Rauschenbach. Die Ganztagsschule bleibe als Schultyp unter ihren Möglichkeiten. Die Studie des DJI nennt drei wesentliche Faktoren, die erfüllt sein müssen, damit die Ganztagsschule ihr Potenzial ausschöpfen kann: „Erstens eine regelmäßige Teilnahme aller Schüler, zweitens eine hohe Qualität der Lernangebote und drittens eine Einbettung in kommunale Bildungslandschaften – also die systematische Zusammenarbeit etwa mit Kindertagesstätten, anderen Schulen, Ausbildungsbetrieben, Musikschulen und Sportvereinen."

Gebundener Ganztag fördert SchülerInnen am besten

Die DJI-Studie attestiert vor allem den gebundenen Ganztagsschulen, also Schulen mit für alle SchülerInnen verbindlichen Ganztagsangeboten, ein hohes Potenzial, soziales und kognitives Lernen besonders gut zu fördern. Dr. Christine Steiner vom DJI betont, in gut organisierten Ganztagsschulen tendierten die SchülerInnen weniger zu Gewalt, seien freundlicher und motivierter und störten den Unterricht weniger. Eine dauerhafte Teilnahme senke zudem das Risiko, eine Klasse wiederholen zu müssen. Wichtig für den Erfolg sei zudem, dass Ganztagsschulen sich auf „Grundlage einer pädagogischen Konzeption entwickeln, bei der Vor- und Nachmittag zusammen gedacht werden". Dann sei es einfacher, Konzentrations- und Entspannungsphasen abzuwechseln und den starren 45-Minuten-Takt aufzubrechen. Als eine entscheidende Bedingung wird herausgestellt, dass „das Personal hauptamtlich angestellt ist und gemeinsame Fortbildung mit den Lehrkräften erhält", so Dr. Steiner. „Es wird hierfür Personal benötigt, das durch seine Anstellungsart auch Zeit für Vor- und Nachbereitung der Angebote hat ...". Offensichtlich eine klare Absage an das niedersächsische Konzept, Ganztagsschulen als Billigkonzept zu fahren (vgl. hierzu Info-Seite in dieser Ausgabe S. 32).

Beim gebundenen Ganztag liegt Niedersachsen zurück

Der Essener Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm hat in seiner Studie „Was kostet der gebundene Ganztag?" die Ganztagsangebote in Deutschland vergleichend untersucht. In Niedersachsen machten im Schuljahr 2010/11 insgesamt 38,9 % der Schulen Ganztagsangebote. Das ist zwar ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Schuljahr zuvor (30,0 %), der Rückstand gegenüber dem Ausbaustand im Bundesbereich (51,1 %) ist aber noch immer beträchtlich. Der Anteil der niedersächsischen Schüler-Innen, die diese Ganztagsangebote nutzen, liegt allerdings bereits über dem bundesweiten Mittelwert. 31,1 % der niedersächsischen SchülerInnen (Vorjahr: 27,4 %) gehen auch nachmittags zur Schule, bundesweit sind es 28,1 %. Beim gebundenen Ganztag, dem die DJI-Studie die pädagogisch besten Effekte bescheinigt, liegt das Land allerdings deutlich zurück. Nur 9,7 % der SchülerInnen besuchten im Schuljahr 2010/11 in Niedersachsen eine gebundene Ganztagsschule (bundesweit:
12,7 %). Klemm hat berechnet, dass eine flächendeckende Einführung der gebundenen Ganztagsschule jährlich bundesweit 9,4 Milliarden Euro zusätzlich kosten würde. Davon entfielen 863 Millionen Euro allein auf Niedersachsen, da es hier so weit zurückliegt.
Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung tritt für einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz ein, damit der quantitative und qualitative Ausbau vorankomme. „Jedes Kind in Deutschland sollte die Möglichkeit haben, eine gebundene Ganztagsschule zu besuchen." Mehr Ganztagsschulen allein würden allerdings nicht weiterhelfen. Die Länder müssten dringend das konzeptionelle Vakuum überwinden, das die Ganztagsschule heute noch umgebe.
Die aktuellen Studien bestätigen somit eindeutig die Forderungen der GEW Niedersachsen, nicht weiter allein auf Quantität zu setzen, sondern endlich den qualitativen Ausbau in den Blick zu nehmen.

Henner Sauerland

 

 

Publikationshinweise

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Ganztagsschule als Hoffnungsträger für die Zukunft? Ein Reformprojekt auf dem Prüfstand. Expertise des Deutschen Jugendinstituts (DJI) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2012. www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-58DD663F-E17C900C/bst/hs.xsl/publikationen_112227.htm

Klaus Klemm: Was kostet der gebundene Ganztag? Berechnungen zusätzlicher Ausgaben für die Einführung eines flächendeckenden Ganztagsangebots in Deutschland im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2012. www.bertelsmann-stiftung.de/ganztag