Reform der Oberstufe

Mehrheit der Studenten gibt Turbo-Abi schlechte Noten

Eine Studie der Universität Göttingen fragt Erstsemester

Die Universität Göttingen hat Studierende im ersten Fachsemester zu ihren Erfahrungen in Sachen G8/G9 befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: 72,2 Prozent der Befragten sprechen sich für eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren aus, nur 18,4 Prozent plädieren für die Beibehaltung von G8. 9,5 Prozent haben diesbezüglich keine Präferenz.
Hauptgrund für dieses deutliche Votum: Die Komprimierung des gleichen Stoffpensums von 13 auf 12 Jahre steht im Widerspruch zum Wunsch nach stressfreiem Lernen und mehr entlastende (Frei-)Zeit neben dem Unterricht.
Anfang des Jahres hat die sozialwissenschaftliche Fakultät unter der Projektleitung von Peter Brammer 697 Erstsemester aller Fakultäten befragt. Der größte Teil hat das Abitur am allgemein bildenden Gymnasium absolviert (85,8 Prozent), 7,3 Prozent am Fachgymnasium und 4,6 Prozent an einer Gesamtschule. 47,3 Prozent haben die Hochschulreife nach 12 und 52,6 Prozent nach 13 Jahren erworben. Bis auf 2,5 Prozent haben alle die Abschlussprüfung unter den Bedingungen des Zentralabiturs geschrieben.

Lernen unter Stress wird abgelehnt

Interessant sind die Gründe, die die Erstsemester für ihre Entscheidung nennen: Knapp 30 Prozent fühlen sich durch G8 überfordert, ein gutes Drittel wünscht sich mehr Zeit an der Schule, fast 60 Prozent erhoffen sich stressfreieres Lernen und 45 Prozent wollen mehr Freizeit als Ausgleich für die Arbeit an der Schule. Von der G8-Gruppe mussten zwei Drittel der Befragten 31 bis 35 Unterrichtswochenstunden in der Schule absolvieren, knapp 30 Prozent kamen sogar auf 36 bis 40 Stunden. Für die G9-Absolventen sehen die Werte mit 56 Prozent (31 bis 35 Unterrichtswochenstunden) und 16 Prozent (36 bis 40) etwas besser aus. Dazu kommen noch die Zeiten für die Vor- und Nachbereitung (Hausaufgaben, Lernen usw.). Ein Fünftel aller Befragten wendeten dafür 7 bis 9 und über 7 Prozent mehr als 13 Stunden pro Woche auf. Da Lernen unter Stress und wenig Erholung schlechte bzw. wenig nachhaltige Ergebnisse bringt, müssen gerade diese Ergebnisse ernst genommen werden. Die Umfrage bestätigt hier deutlich die in den Medien von Betroffenen und Fachleuten vorgebrachte Kritik, dass G8-SchülerInnen über ungenügende Freizeit, zu viele Hausaufgaben oder sehr hohen Lernaufwand klagen. Das zentrale Argument der G8-Befürworter im öffentlichen Diskurs, der frühere Einstieg ins Berufsleben, wird dagegen nur von 13,6 Prozent aller befragten StudentInnen unterstützt.
Die Aussage zahlreicher Verfechter des Turbo-Abiturs, die 11. Klasse am Gymnasium sei überflüssig, lehnen die Befragten mehrheitlich ab. Nur gut ein gutes Drittel der G8-Absoventen hält die 11. Klasse für entbehrlich, von den AbiturientInnen, die das Abitur noch nach 13 Jahren absolviert hatten, sind es nur 0,6 Prozent.

Unzureichende Vorbereitung auf das Studium

Auch die in der Studie unabhängig von einer Differenzierung nach G8 und G9 ermittelten Untersuchungsergebnisse geben dem Unterrichtssystem Sek II schlechte Noten. Sie deuten darauf hin, dass es nicht ausreicht, einfach zu G9 zurückzukehren, sondern gleichzeitig darauf ankommt, Lehren und Lernen in der Oberstufe pädagogisch zu reformieren.
So waren jeweils 44 Prozent der Befragten der Meinung, der Unterricht konzentriere sich nur „wenig" auf den Erwerb von Lernstrategien (10,9 Prozent votierten mit „gar nicht"!) und einer tiefgründigen und ausführlichen Auseinandersetzung mit den Themen. Für ein gutes Drittel stand „sehr stark" die schnelle Stoffvermittlung im Mittelpunkt, 42 Prozent votierten hier mit „stark". Entsprechend fühlten sich deutlich über 80 Prozent zwar inhaltlich auf die Abiturprüfung vorbereitet, hinsichtlich der methodischen (33 Prozent) und der sozialen (40 Prozent) Vorbereitung sahen aber viele der Befragten Mängel.

Aus der abgedruckten Grafik wird ersichtlich, dass weniger Eltern, MitschülerInnen oder Lehrende Quelle von Stress und der daraus eventuell resultierenden Überforderung sind, sondern eher die Zensuren, die über 65 Prozent der Befragten stark oder sehr stark belasten. Eine große Rolle spielt auch das Lern- und Stoffpensum, vor allem aber die eigenen Erwartungen und Leistungsansprüche, die bei fast einem Drittel sehr stark zu Buche schlagen, bei über 40 Prozent immerhin noch stark.
Auf die Prüfung im Abitur fühlten sich die StudentInnen vorbereitet. Aber fast 60 Prozent aller Befragten bezeichnen die Vorbereitung auf das Studium als inhaltlich wenig oder gar nicht vorhanden, für 61,9 Prozent ist sie zudem hinsichtlich der Methodik wenig oder gar nicht existent. Diese bedenklichen Ergebnisse werden auch von zahlreichen Rückmeldungen der Hochschulen bestätigt, wobei die G8-Absolventen zumeist noch schlechter abschneiden als diejenigen, die ihre Prüfungen nach 13 Jahren abgelegt haben.
Nach Ansicht des Projektleiters Brammer wird der Druck an den Gymnasien durch das Zentralabitur noch verstärkt. Das bewiesen Studien, die belegen, dass die zentralen Prüfungen SchülerInnen und Lehrkräfte in den Gleichschritt zwingen. Da fehle Zeit und Raum für Kreativität und Experimente.
Hier muss eine pädagogische Reform der gymnasialen Oberstufe unbedingt neue Möglichkeiten schaffen. Die GEW hat dazu Vorschläge erarbeitet, die sie in den von der neuen Landesregierung angebotenen Dialog über einen Veränderung der Sek II einbringen wird.