Reform der Oberstufe

GEW fordert Abitur im eigenen Takt

Kultusministerin Heiligenstadt bietet Dialogforum zum Thema G8/G9 an Gymnasien

Die neue Landesregierung hat beschlossen, dass die Gesamtschulen zum Abitur nach neun Jahren zurückkehren. Die dazu notwendige Änderung des Schulgesetzes hat die rot-grüne Regierung zügig auf den Weg gebracht, so dass die Regelungen bereits im nächsten Schuljahr greifen können.


Kultusministerin Frauke Heiligenstadt will zum Thema G8/G9 an den Gymnasien einen „neuen Weg des Dialoges" gehen. Nach der diesjährigen Abiturphase will die Ministerin ein „großes Dialogforum in Niedersachsen starten und mit allen Beteiligten darüber diskutieren, wie der Stress gemindert werden kann - ergebnisoffen" Mitte Juni soll es losgehen. Sie ruft in der April-Ausgabe des Schulverwaltungsblattes (04/2013, S. 127) alle interessierten Kolleginnen und Kollegen zur Teilnahme am Dialog auf.
Im Frühjahr hat der Geschäftsführende Landesvorstand der GEW auf Antrag der Fachgruppe Gymnasien nach intensiver Diskussion die Forderung beschlossen, dass das Abitur nach neun Jahren auch an den Gymnasien wieder zur Regel werden soll.
Immer wieder hat die GEW in den letzten Jahren in Betrifft Gymnasium und der E&W auf die fatalen Folgen der Schulzeitverkürzung für SchülerInnen und KollegInnen hingewiesen. Die Praxis beweist: Das Turbo-Abitur hat negative Folgen für Lehren und Lernen. Es fehlt ausreichend Zeit für nachhaltiges und schülerorientiertes Lernen, Freizeitaktivitäten leiden. Viele SchülerInnen halten den Stress nicht aus und wiederholen Jahrgänge, um Zeit zu gewinnen. Viele wichtige Lehrziele lassen sich aus entwicklungspsychologischen Gründen nicht erreichen, da die SchülerInnen zu jung sind.
Die GEW tritt dafür ein, dass grundsätzlich an allen Gymnasien und Gesamtschulen das Abitur nach neun Jahren wieder eingeführt wird.
Die GEW lehnt die Möglichkeit ab, dass ein Gymnasium G8 und G9 parallel anbietet. Diese Lösung dürfte die Schulen pädagogisch und organisatorisch überfordern. Es bliebe dann unter Umständen dabei, dass Eltern und SchülerInnen sich bereits unmittelbar nach der Grundschulzeit oder am Ende des 6. Jahrgangs entscheiden müssten, ob die Sek I in sechs oder sieben Jahren mit unterschiedlicher Lernprogression durchlaufen werden soll.
Die Möglichkeit, dass Gymnasien sich für G8 oder G9 entscheiden können bzw. müssen, könnte dazu führen, dass es z. B. in einer größeren Stadt sowohl G8- als auch G9-Gymnasien gäbe. Die Folge wäre eine pädagogisch wenig effektive Konkurrenz. Die GEW lehnt auch dieses Modell ab.

 

Neue Konzepte für Sek I und Sek II

Bei der Neukonzeption der Arbeit in der Sekundarstufe I sind nach Auffassung der GEW unter anderem folgende Aspekte zu beachten: Die Sekundarstufe I am Gymnasium umfasst die Jahrgänge 5 bis 10. Die Zahl der Pflichtstunden pro Jahrgang beträgt höchstens 30 Wochenstunden. Klassenlehrerstunden sind in allen Jahrgangsstufen vorzuhalten. Durch entsprechende Erlasse, die Zuweisung von Ressourcen und angemessenen Fortbildung sind die verstärkte Integration von Fächern (z. B. im Bereich der Naturwissenschaften) und der Fächerübergriff, projektartiges Lernen, individuelle Schwerpunktsetzung durch Wahlpflichtkurse und Arbeitsgemeinschaften zu stärken. Es muss ausreichend Zeit für musisch-künstlerische Erziehung und Sport und für die individuelle Lernförderung sein. Neue Formen der Leistungsüberprüfung sind zu ermöglichen. Der gebundene Ganztag muss ausgestattet werden, wenn er von der Schule gewünscht wird. Ansätze für diese Reformen sind übrigens alle bereits in der geltenden Sek I-Verordnung angelegt.
Für die zukünftige Gestaltung der Sekundarstufe II sind der GEW folgende Eckpunkte wichtig:
Die Sekundarstufe II umfasst nach einer Rückkehr zu G9 die Jahrgänge 11 bis 13. Im 11. Jahrgang (Einführungsphase) werden die SchülerInnen in die Arbeit der Sekundarstufe II eingeführt und bereiten die Kurswahlen vor, z. B. durch Projekte zur Vorstellung der möglichen Prüfungsfächer, Propädeutik in den Prüfungsfächern. Es gibt Angebote, um Defizite zu beheben und Schwerpunktsetzungen vorzubereiten usw. Auslandsaufenthalte, Praktika, Veranstaltungen zur Studien- und Berufsorientierung usw. sind möglich und zu fördern.
In den Jahrgängen 12 und 13 (Qualifikationsphase) sollte zurückgekehrt werden zu vier Prüfungsfächern, Leistungskurse werden wieder fünfstündig, Grundkurse dreistündig angeboten. Eine Verkleinerung der Lerngruppen ist notwendig. Über das Seminarfach hinaus sollte fächerübergreifender und Projektunterricht bzw. entsprechende Unterrichtsphasen möglich werden, um so z. B. gezielter auf die Arbeit in der Universität vorzubereiten. Auch in der Sek II sind neue Formen der Leistungsüberprüfung zu überprüfen.

Eine individuelle Verkürzung der Schulzeit bleibt möglich

Eine Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur muss individuell immer möglich sein, z. B. durch Überspringen eines Jahrgangs. Selbstverständlich ist auch freiwilliges Wiederholen bzw. Zurücktreten nicht ausgeschlossen.
Die GEW will das von Frauke Heiligenstadt angebotene Dialogforum zur Weiterentwicklung des Gymnasiums nutzen, um gemeinsam mit interessierten KollegInnen in Ruhe neue Regelungen entwickeln und ausprobieren zu können, die die oben skizzierten Grundsätze aufgreifen sollten. Wir müssen dabei auch auf die Erfahrungen aus anderen Bundesländern zurückgreifen.
Von oben im Schnellverfahren verordnete „Reformen" will niemand. Wir müssen aber den Mut haben, im Interesse der SchülerInnen und unserer eigenen Arbeitszufriedenheit Neues auszuprobieren.