Kindertagesstätten

Entweder Ganztagsgrundschulen oder Horte?

Grundschule / Foto: Bert Butzke

Ende November berichtete die Hannoversche Allgemeine Zeitung, die Verwaltung der Landeshauptstadt arbeite an einem Plan, die Hortbetreuung Schritt für Schritt zurückzufahren und schließlich ganz aufzugeben; stattdessen sollten in den kommenden Jahren alle Grundschulen Hannovers zu Ganztagsgrundschulen werden. Schon Wochen vorher hatte Stadtkämmerer Hansmann (SPD) vor der Ratsversammlung erklärt, es sei ein deutscher Irrweg, bei der Schulkinderbetreuung zwei Systeme zu haben, und sich dafür ausgesprochen, dieses in Hannover mittel- bis langfristig zu ändern.

 

 Ein Proteststurm von Eltern und ErzieherInnen war die Antwort. Hannovers Oberbürgermeister Weil, Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in einer von der SPD geführten Landesregierung nach der Landtagswahl 2013, stellte umgehend klar, die Stadt plane keine Abschaffung der Horte. Welche Betreuungsform in welchem Umfang auf Dauer angeboten werde, sei von der Nachfrage der Eltern abhängig. Andere SPD-PolitikerInnen äußerten sich ähnlich. Auch der Vorsitzende der grünen Ratsfraktion Schlieckau verneinte, dass in absehbarer Zeit Horte geschlossen würden. Mit dem Ratsbeschluss für Ganztagsgrundschulen sei allerdings ein Systemwechsel eingeleitet worden. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Landesregierung bessere Bedingungen für Ganztagsschulen schafft.


Im Grunde ist die von Stadtkämmerer Hansmann vertretene Position durch diese Äußerungen nicht zurückgenommen, sondern allenfalls entschärft worden. Auf Dauer werden danach Horte durch Ganztagsschulen doch sukzessive entbehrlich. In Bremen werden bereits kurzfristig so viele Hortplätze abgeschafft, wie Ganztagsplätze an Grundschulen geschaffen werden. Dort stehen 17 Hortstandorte auf der Streichliste.

Der Sprecher des hannoverschen Kita-Stadtelternrats (Georg) Weil erklärte zu Hansmanns Meinung, eine Parallelstruktur von Hortplätzen und Ganztagsgrundschulen sei überholt, dem könne man zustimmen, wenn Ganztagsgrundschulen tatsächlich das wären, was ihr Name verspreche, nämlich Schulen, in denen Kinder den ganzen Tag zubringen möchten und die ihnen Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten böten, die bislang nur die Grundschule in Kombination mit dem Hort ermögliche. Wichtig sei auch, dass es verlässliche Angebote für die Ferienzeit gäbe. In den Horten würden diese von den ErzieherInnen durchgeführt, die die Kinder aus dem Hortalltag in der Schulzeit kennen.


Die „Offene Ganztagsschule mit verlässlichem Angebot“ verdiene den Titel Ganztagsschule bei weitem nicht. Für den Stadtkämmerer sei eine echte Ganztagsschule auch nicht erwünscht, denn sie würde Investitionen erfordern, die die Stadt nicht aufzubringen bereit sei und die das Land bisher strikt verweigere. Hansmanns Ankündigung ziele darauf ab, die bisherigen Investitionen in die Horte in den Verantwortungsbereich des Landes zu überführen, das für die personelle Ausstattung der Schulen zuständig sei. Das Land behelfe sich zurzeit aber mit billigen Hilfskräften ohne Vorgabe klarer Qualifikationsstandards. Dem gegenüber schreibe das Kita-Gesetz Mindeststandards verbindlich vor: Zwei ausgebildete ErzieherInnen pro Hortgruppe mit maximal 20 Kindern.


Dass Kämmerer in der Regel Kosten zu minimieren versuchen, ist nicht weiter verwunderlich. In Zeiten von Eurokrise, Fiskalpakt und Schuldenbremse werden künftig alle Ebenen politischen Handelns noch stärker davon betroffen sein, es sei denn, es gelänge, eine etwas weniger kapitalfixierte Steuergesetzgebung, insbesondere eine Vermögenssteuer durchzusetzen. Ministerpräsidentenkandidat Weil hat sich zur Wiedereinführung einer Vermögenssteuer bekannt, ohne die einige seiner Vorhaben kaum finanzierbar wären. Man darf gespannt sein, ob und in welchem Maße er damit bei seinen politischen Freunden und Partnern reüssieren wird. Viel gewerkschaftlicher und politischer Nachdruck sind weiterhin notwendig.


Gebraucht werden nicht Billig- und Notlösungen der vorschulischen, schulischen und außerschulischen Arbeit mit Kindern, sondern konzeptionell anspruchsvolle institutionelle Arrangements mit angemessen bezahltem, qualifiziertem pädagogischen Personal, vernünftigen Arbeitszeitregelungen und guter materieller, insbesondere räumlicher Ausstattung.
Anstelle „Offener Ganztagsgrundschulen“, praktisch Vormittagsschulen mit angehängter Nachmittagsbetreuung, werden gebundene inklusive Ganztagsgrundschulen benötigt mit multiprofessionellen Teams, zu denen auch ErzieherInnnen gehören.


„Offene Ganztagsgrundschulen“ können Horte, die den Anforderungen des niedersächsischen Kita-Gesetzes entsprechen, nicht ersetzen. Aber auch wenn das Projekt der inklusiven Ganztagsgrundschule flächendeckend weiter vorankommt, sind damit noch längst nicht alle Leistungen abgesichert, die von Horten, Schülerläden und auch Spielparks in kommunaler oder freier Trägerschaft vor der Schule, nach der Schule und in Ferienzeiten für GrundschülerInnen und bis zu 14-jährige Kindern erbracht werden.


Schulen und Horte decken verschiedene Aspekte von Bildung, Erziehung und Betreuung ab, die nicht gegeneinander ausgespielt, sondern zusammen gedacht und vernünftig miteinander vermittelt gehören. Dabei ist zu bedenken, dass Bildung allgemein und auch Schule im Besonderen mehr bedeutet als Unterricht, der selbst kein bloß themenbezogenes Geschehen darstellt, und dass Betreuung mehr sein muss als Aufsicht. Mehr denn je sind künftig kooperativ zu erarbeitende, integrale Lösungen gefordert.


Hortangebote könnten und sollten programmatisch und räumlich stärker in Schulkomplexe integriert oder schulnah vorgehalten werden. Mit dem Ziel, allen Kindern optimale Bedingungen für ihre Selbstentwicklung zu sozial handlungsfähigen Individuen zu bieten, muss Lehrkräften, ErzieherInnen und weiteren (sozial)pädagogischen Fachkräften ermöglicht werden, sich sinnvoll abzustimmen und zu kooperieren.