Kindertagesstätten

Mehr Qualität!

Kita-Volksinitiative

Im September 2012 startete in Niedersachsen die Kita-Volksinitiative. Die Initiatoren sind Erzieherinnen und Erzieher, Eltern, Kita-Träger, Vereine und Verbände. Sie alle haben sich unter dem Dach des Bündnisses für Kinder und Familien in Niedersachsen e.V. zusammengeschlossen, um vom Niedersächsischen Landtag eine Überarbeitung des niedersächsischen Kindertagesstättengesetzes zu fordern. Es geht um mehr Qualität – vor allem um mehr Personal und kleinere Gruppengrößen.

Eine unpopulär anmutende Forderung in Zeiten eines nahenden Rechtsanspruchs, durch den ab dem 1. August 2013 nicht mehr nur alle Kinder ab dem 3. Lebensjahr, sondern bereits Kinder ab dem vollendeten 1. Lebensjahr ein Anrecht auf einen Betreuungsplatz besitzen werden. Die Quantität beherrscht die öffentlichen Diskussionen. Doch die Forderung nach mehr Qualität war niemals wichtiger als heute. In Niedersachsen arbeiten in den meisten Krippen und Kindertagesstätten nur zwei Fachkräfte pro Gruppe. In der Krippe ist eine Erzieherin oder ein Erzieher für rechnerisch 7,5 Kinder zuständig und in der Kindertagesstätte für 12,5 Kinder. Ausfallzeiten der Fachkräfte verschlechtern die Fachkraft-Kind-Relation zusätzlich. Damit fehlt es dramatisch an ausreichenden Bezugspersonen für die Kinder und an verantwortbaren Arbeitsbedingungen für die Fachkräfte. Qualitätsoffensiven der letzten Jahre, wie die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen und die Weiterentwicklung der Ausbildungswege, haben die Situation keineswegs entschärft. Denn was können die besten Ausbildungen und Orientierungspläne bewirken, wenn den Fachkräften keine Zeit für eine Umsetzung des Gelernten bleibt? Die Bedeutung frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung ist in der öffentlichen Wahrnehmung gestiegen. Ebenso wie die Ansprüche an die Erzieherinnen und Erzieher. Der Erwartungsdruck und die Aufgaben haben zugenommen – die Rahmenbedingungen blieben unverändert schlecht.


Der Zeitpunkt der Kita-Volksinitiative ist klug gewählt. In der Auftaktphase stand Niedersachsen vor der Wahl eines neuen Landesparlaments. Die Vertreterinnen und Vertreter der alten und neuen Regierung schenkten den Forderungen der Volksinitiative entsprechend schnell ihre Beachtung. Während die einen mit Hinweis auf die knappen Finanzen um Geduld baten, drängten die anderen auf eine schnelle Erfüllung des Geforderten. Zumindest schien Einigkeit darüber zu bestehen, dass eine Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relation ein zentrales politisches Thema darstellt. Einige Kandidatinnen und Kandidaten unterstrichen ihre Zustimmung nicht zuletzt durch ihre eigenen Unterschriften auf den Bögen der Kita-Volksinitiative. Um mehr über diese Wahlversprechen zu erfahren und um ihre Einlösung nach der Wahl überprüfen zu können, hat die Kita-Volksinitiative einen Teil der antretenden Parteien in den sogenannten „Wahlprüfsteinen" zu ihren Einstellungen gegenüber der Verbesserung der Rahmenbedingungen in Kindertagesstätten befragt. Die Antworten stimmen positiv - alle befragten Parteien bekunden die Absicht, die Fachkraft-Kind-Relation in den kommenden Jahren zu verbessern. Also alles kein Problem und nur eine Frage der Zeit? Leider nicht, denn bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die meisten dieser Versprechen alles andere als konkret formuliert sind. In den meisten Fällen werden weder genaue Umsetzungspläne noch Zeitdimensionen genannt. Auch wird teilweise nicht ersichtlich, ob die angestrebten Verbesserungen der Rahmenbedingungen tatsächlich im Kindertagesstättengesetz verankert werden sollen oder nur unverbindliche finanzielle Anreize vorgesehen sind. Einige Parteien machen die Umsetzung des Versprochenen von bundespolitischen Entscheidungen abhängig. Und dennoch: Niedersachsen hat am 20. Januar 2013 eine neue Landesregierung gewählt und damit den Willen zu einem politischen Wechsel bekundet. Auch im Kita-Bereich ist mit dem Regierungswechsel die große Hoffnung verknüpft, dass eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in niedersächsischen Kindertagesstätten schon bald politische Realität sein wird. Die neue Regierungskoalition ist nun gefordert, die in sie gesetzten Hoffnungen nicht zu enttäuschen und ihrer Verantwortung als Verfassungsorgan des Landes Niedersachsen nachzukommen.


Die Wahl ist vorbei - die Kita-Volksinitiative ist es nicht. Noch bis September können Unterschriften gesammelt werden. Die für den Erfolg der Volksinitiative notwendige Anzahl von 70.000 Stimmen ist noch nicht erreicht. Nur wenn noch weitere Unterschriftenbögen in den niedersächsischen Kommunen eingereicht werden, wird die Volksinitiative einfordern können, dass sich der Landtag im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeit mit den Forderungen nach besseren Rahmenbedingungen in niedersächsischen Kitas befasst. Bis dahin sind zahlreiche Aktionen geplant, die das Thema in die Öffentlichkeit transportieren und verdeutlichen: „Es reicht. Der Personalschlüssel ist unverantwortlich!"

Rückendeckung erfährt das Bündnis für Kinder und Familien in Niedersachsen e.V. nicht zuletzt auch durch die Wissenschaft. Anfang 2013 wurden die Forschungsergebnisse der Studie „Schlüssel zu guter Bildung, Erziehung und Betreuung" veröffentlicht. Im Rahmen der Untersuchung gingen Prof. Dr. Susanne Viernickel, Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Alice Salomon Hochschule Berlin der Frage nach, wie Erzieherinnen und Erzieher die Anforderungen der Kita-Bildungspläne im Kita-Alltag umsetzen. In der Studie wird deutlich, dass die Fachkräfte aktuell eine sehr große Diskrepanz zwischen den an sie gestellten und in den Bildungsprogrammen formulierten Anforderungen einerseits und den zur Verfügung stehenden Rahmenbedingungen andererseits wahrnehmen. Eine Situation, die viele in ihrer pädagogischen Arbeit belastet und verunsichert. Die Forschergruppe konnte durch ihre empirischen Erhebungen herausarbeiten, wie der Fachkraft-Kind-Schlüssel aussehen muss und welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um die Qualität in den Kindertagesstätten zu sichern.
Auf Grundlage der Forschungsergebnisse haben die drei Auftraggeber der Studie - GEW-Hauptvorstand, Diakonie Deutschland und Paritätischer Gesamtverband - schließlich vier politische Forderungen formuliert:

  • die Fachkraft- Kind-Relation und Leitungsfreistellung in Kindertageseinrichtungen wirksam und nachhaltig verbessern
  • die gesellschaftliche Anerkennung für pädagogische Fachkräfte fördern und unterstützen
  •  die Finanzierung der Kindertageseinrichtungen entsprechend den Aufgaben anpassen und sichern
  • die Fort- und Weiterbildung systematisch ausbauen

Eine Bildungspolitik, die diese Aspekte nicht berücksichtigt, lässt nicht nur die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas, sondern auch die Familien im Stich. Mit dem alleinigen Fokus auf dem quantitativen Ausbau wird den Kindern zwar das Recht auf einen Betreuungsplatz zugesichert – eine qualitativ hochwertige Bildung, Erziehung und Betreuung bleibt vielen von ihnen jedoch weiterhin verwehrt. Die neue Landesregierung hat nun die Chance, neue Wege zu beschreiten und die Qualität der Kindertagesbetreuung ganz oben auf die politische Agenda zu setzen. Doch wie könnte ein konkretes Vorgehen in Niedersachsen aussehen?


Die Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe der GEW Niedersachsen möchte dieser Frage zusammen mit der Kita-Volksinitiative nachgehen und lädt am 24. April 2013 in Hannover zu einem Vortrag und einer Podiumsdiskussion zum Thema „Schlüssel zu guter Bildung, Erziehung und Betreuung" ein. Prof. Dr. Susanne Viernickel wird über die Ergebnisse der Studie berichten und anschließend auf dem Podium mit Norbert Hocke von der GEW sowie mit Vertreterinnen und Vertretern der beiden niedersächsischen Regierungsfraktionen und der Kita-Volksinitiative darüber diskutieren, wie eine Umsetzung der politischen Forderungen und Wahlversprechen in Niedersachsen gelingen kann.

 

Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen Nds./HB e.V.