Sozialpädagogik

Schulsozialarbeit an Oberschulen

Fortschritt oder Mogelpackung?

Zu Beginn des Schuljahres 2011/12 haben die ersten 134 Oberschulen in Niedersachsen ihre Arbeit aufgenommen. Die kritischen Positionen der GEW zur Einrichtung und Ausgestaltung dieser Schulform fanden in der E&W regelmäßig ihren Platz. An dieser Stelle soll es nun um einen besonderen Aspekt der Oberschule gehen – die Schulsozialarbeit.

Bereits im Vorfeld der Debatten um die Einführung der Oberschule wurde von der Landesregierung immer wieder betont, dass diese Schulen selbstverständlich mit der Ressource Schulsozialarbeit ausgestattet werden sollen – ein nicht unwesentlicher Bestandteil der damaligen Werbekampagne. Dieses Versprechen ist tatsächlich eingehalten worden, was grundsätzlich sicherlich begrüßenswert ist. Schulsozialarbeit stellt eine wichtige Ressource für alle Schulen dar und ist – wo sie eingerichtet wurde – aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Allerdings lohnt ein kritischer Blick auf die konkrete Umsetzung.

Zum besseren Verständnis der Problematik ein Abstecher in die Geschichte der Schulsozialarbeit in Niedersachsen: Wesentliches Standbein für Schulsozialarbeit war das „Programm zur Profilierung der Hauptschule", das – basierend auf einem älteren Modell der vorherigen, SPD-geführten Landesregierung – 2003 per Erlass eingeführt wurde. Seit der Einführung wurden neue Stellen für Schulsozialarbeit nahezu ausschließlich im Rahmen dieses Profilierungsprogramms geschaffen. Fast alle Hauptschulen Niedersachsens wurden mit der Ressource Schulsozialarbeit versorgt, knapp 500 – allerdings wurden nur halbe Stellen eingerichtet. Seit Oktober 2010 gilt ein Folgeerlass, der im Wesentlichen aber kaum Veränderungen gebracht hat. Als Hauptaufgabe von Schulsozialarbeit wird in dem Erlass der Bereich der Berufsorientierung definiert, also die Übergangsphase der Schülerinnen und Schüler in das Berufsleben oder eine weiterführende schulische Ausbildung. Von Beginn an gab es von Seiten der betroffenen Fachkräfte – unterstützt durch die GEW – massive Kritik an diesem Programm. Der Blick richtete sich insbesondere auf folgende Punkte:

  • Es handelt sich lediglich um eine Projektförderung in Höhe von 26.000 € jährlich, was maximal für die Einrichtung einer halben Stelle für Schulsozialarbeit ausreichend ist und damit den vorhandenen Bedarf bei Weitem nicht abdeckt.
  • KollegInnen mit längerer Berufserfahrung und entsprechend höheren Tarifmerkmalen können für dieses Geld nicht eingestellt werden.
  • Seit Beginn des Programms gibt es ausschließlich befristete Arbeitsverträge, zunächst im Jahresrhythmus, im Moment bis Ende 2014.
  • Die Anstellung bei unterschiedlichen – zum Teil freien – Trägern führt zu unterschiedlichen Tarifbedingungen bei gleicher Arbeit.
  • Wesentliche und an unseren Schulen dringend notwendige Angebote von Schulsozialarbeit, wie z.B. allgemeine Beratung in Problemsituationen für SchülerInnen, Eltern und Lehrkräfte, Sozialtrainings in Klassen oder Präventionsangebote sind durch das Programm nicht abgedeckt.
  • Es gibt keine verbindlichen fachlichen Standards, keine qualifizierte Fachaufsicht.

Und was bringt in diesem Zusammenhang die Oberschule? Auf den ersten Blick: Nichts. Die Stellen aus dem Hauptschul-Profilierungsprogramm sind lediglich an die Oberschulen übergeleitet worden. Da Hauptschulen bei der Gründung von Oberschulen in den meisten Fällen ohnehin beteiligt sind, wurden neue Stellen nur dort geschaffen, wo keine Hauptschulen beteiligt waren. Mit Stand vom September 2011 waren das in ganz Niedersachsen genau zwei. An den problematischen Rahmenbedingungen, wie sie oben beschrieben wurden, hat sich nichts geändert. Im Erlass zur Oberschule heißt es unter 5.3. zur Schulsozialarbeit lediglich:

„Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen unterstützen die Lehrkräfte der Oberschule bei der Durchführung berufsorientierender und berufsbildender Maßnahmen. Grundlage dieser Maßnahmen sind die Ergebnisse eines Kompetenzfeststellungsverfahrens, die Hinweise für die individuelle Förderung und die Berufswegeplanung der Schülerinnen und Schüler geben."

Mehr gibt der Erlass zur Oberschule zum Thema Schulsozialarbeit nicht her. Inhaltlich richtunggebend ist nach wie vor das „Programm zur Profilierung der Hauptschule", das allerdings umbenannt und in Richtung Oberschulen erweitert wurde. Verändert oder gar verbessert hat sich inhaltlich nichts.

Auf den zweiten Blick ist allerdings festzustellen, dass sich die Situation deutlich verschlechtert hat. Waren die sozialpädagogischen Fachkräfte bisher nur für die HauptschülerInnen zuständig und damit bereits mehr als ausgelastet, so führt die Zusammenführung von Haupt- und Realschulen in der Regel zu mehr als einer Verdoppelung der Schülerzahlen. Zu den Folgen heißt in einem Positionspapier der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit Niedersachsen (LAG):

„Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen bedeutet eine erhebliche Erhöhung der Schülerzahlen, die Schulsozialarbeit soll aber mit den gleichen zeitlichen Ressourcen auskommen wie bisher.... Eine solche Rechnung kann nicht aufgehen, ohne dass es zu einer qualitativen Verschlechterung der Angebote oder einer quantitativen Ausgrenzung von Betroffenen kommt."

Da dies offenbar auch im Kultusministerium aufgefallen ist, kam Anfang des Jahres die Ankündigung aus Hannover, mindestens vierzügige Oberschulen könnten die Aufstockung der Projektförderung um 13.000 € beantragen. Das reicht dann für die Einrichtung einer Dreiviertel-Stelle. Dazu eine kleine Rechenaufgabe: Grob gerechnet hat eine vierzügige Oberschule eines Tages 600
SchülerInnen (4 Klassen x 6 Stufen x 25 SchülerInnen). Bei den 34 Wochenstunden einer sozialpädagogischen Fachkraft mit einer Dreiviertel-Stelle (inkl. Vorarbeit für Ferienzeiten) macht das genau 3,4 Minuten pro SchülerIn und Woche. Und selbst das ist eine Milchmädchenrechnung: Auch SchulsozialarbeiterInnen müssen auf Dienstversammlungen und Fachkonferenzen, brauchen Zeit für Vor- und Nachbereitung, müssen ihre beruflichen Netzwerke pflegen. An diesen Zahlen – so oberflächlich sie auch sein mögen – wird deutlich, was die versprochene Ausstattung der Oberschulen mit Schulsozialarbeit in der Realität bedeutet. Das Fazit aus dem Positionspapier der LAG: „In diesem Sinne betrachtet die LAG die versprochene Integration von Schulsozialarbeit in die neuen Oberschulen nicht als Fortschritt, sondern als deutliche Verschlechterung der bisherigen Standards und damit als Mogelpackung."

Dem ist an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.

Rainer Siegmund
Schulsozialarbeiter
Mitglied in GEW und LAG