Bildung & Politik

Lernen im Eigenen Takt statt G8 oder G9

GEW rät zur Gelassenheit bei der Umsetzung

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft setzt sich für ein neues Modell der Schulzeit an Gymna¬sien und Gesamtschulen ein, mit dem die alte Alternative zwischen G8 und G9 überwunden werden kann. „Dieses Modell findet großen Anklang bei gesellschaftlichen Gruppen, auch in der vom Kultus¬ministerium berufenen Expertenrunde", erklärt der Landesvorsitzende der GEW Eberhard Brandt.

 

Die GEW rät bei der Umsetzung eines neuen Schulzeitmodells zur Gelassenheit. „Wir hören aus den Kollegien, dass sie eine erneute Reform nicht schon wieder überstürzt umsetzen wollen", so Henner Sauerland, Vorsitzender der GEW-Fachgruppe Gymnasien. Die Vorbereitungen für das neue Schuljahr, z.B. Kurswahlen und Lehrkräfteeinsatz liefen zurzeit, daher sei der richtige Starttermin 2015 und nicht 2014. Vielleicht sei die GEW in dieser Frage gelassener als andere, weil die GEW sich seit 2003 gegen G8 an Gymnasien und Gesamtschulen und für eine flexible Oberstufe ausgesprochen habe, während andere ihre Haltung erst nach dem Regierungswechsel vor einem Jahr geändert haben. „Uns ist es wichtig, dass die Beratungen der sehr sachbezogen arbeitenden Expertenrunde, in der der Landeselternrat vertreten ist, zu Ende geführt werden", betont der GEW-Gymnasialexperte und hält es für deplatziert, das Tempo der Reform als Maß für die Gymnasialfreundlichkeit zu stilisieren.

Zentrale Idee vom Lernen im Eigenen Takt ist die Beseitigung der starken Belastung der SchülerInnen in der Sekundarstufe I und II, die mit G8 verbunden ist. Dadurch soll es SchülerInnen auch ermöglicht wer¬den, individuelle Leistungsschwerpunkte zu setzen, z.B. eine dritte Fremdsprache ab Schuljahrgang 9 und 11 zu erlernen. Künftig sollen 30 Wochenstunden in der Regel die Obergrenze in der Stundentafel sein und nicht 34. Die Sekundarstufe I soll künftig wieder mit dem 10. Schuljahrgang enden. Der Doppel¬charakter des 10. Schuljahrgangs aus dem Turbogymnasium wird abgeschafft. Die Sekundarstufe II beginnt künftig einheitlich im 11. Schuljahrgang. Das Schulgesetz soll regeln, dass Gymnasien und Gesamtschulen die Schuljahrgänge 5 bis 13 umfassen. In der Sek II wird die Schulzeit allerdings flexibi¬lisiert. Der 11. Jahrgang soll bei entsprechenden Schulleistungen übersprungen werden können. Die GEW regt an, dass die Qualifikationsphase nach Klasse 11 in Zukunft in zwei oder drei Jahren absolviert werden kann und verweist darauf, dass derzeit ein erheblicher Anteil der SchülerInnen in der Qualifika¬tionsphase freiwillig einen Jahrgang wiederholt oder vor dem Abitur zurücktritt.

Ein weiteres Schwerpunktthema der Expertengruppe ist die Reform der Qualifikationsphase. Die GEW rät, die Wissenschaftspropädeutik und das vertiefte Lernen durch die Konzentration auf fünf- bis sechs¬stündige Leistungskurse zu verstärken. Grundkurse sollen mindestens dreistündig sein. Das fünfte Prüfungsfach soll abgeschafft werden.

Die GEW sieht die Einführung der flexiblen Oberstufe als pädagogische Frage an, die nicht mit der Arbeitszeit und der Arbeitsbelastung der Lehrkräfte verbunden werden soll.

Verantwortlich: Richard Lauenstein

 

Hintergrund

Vorteile des Lernens im Eigenen Takt
Mit diesem Modell kann den unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen, Begabungen, Neigungen und Interessen der SchülerInnen besser Rechnung getragen werden. Die Überlastung mit einer stark erhöh¬ten Anzahl von Unterrichtsstunden von Jahrgang 8 bis 12 (bis zu 34 Unterrichtsstunden) wird abgebaut. Diese entstand durch die Verteilung von 265 Jahreswochenstunden auf 8 statt 9 Schuljahre. Durch die Entzerrung werden die SchülerInnen entlastet und ihre Lernmöglichkeiten werden verbessert. Zugleich wird es SchülerInnen ermöglicht, weitergehende Lerninteressen umzusetzen. So wird die dritte Fremd¬sprache wieder im 9. und 11. Jahrgang begonnen werden können. Dies war unter den G8-Bedingungen kaum möglich. Ein ausgeprägter Wahlpflichtbereich, der eine Vertiefung z.B. in Naturwissenschaften und Technik oder in musisch-kultureller Bildung und damit unterschiedlichen Neigungen und Lernzu¬gängen Raum bietet, kann fakultativ eingeführt werden. Außerdem wird der Übergang zur gymnasialen Oberstufe für AbsolventInnen der Real- und Oberschulen erleichtert.

Dieses Modell „Lernen im eigenen Takt" soll für alle Schulformen gelten, die über eine gymnasiale Ober¬stufe verfügen, also für Gymnasien und Gesamtschulen. Es überwindet die Vorstellung, dass Gymnasien die angemessene Schulform für die schnell Lernenden und die Schulen, die in der Sekundarstufe I alle Bildungsgänge enthalten, die Schulen für die langsamer Lernenden sind.

Reform der Qualifikationsphase
In der Expertenrunde ist auch die Reform der Qualifikationsphase Gegenstand intensiver Beratungen. Auch hierzu hat die GEW ihre Vorschläge nach intensiver interner Beratung eingebracht. Die Qualifikati¬onsphase soll mit dem Ziel reformiert werden, dem vertieften Lernen und der Wissenschaftspropädeutik wieder eine größere Bedeutung zuzuerkennen. Fünf- und sechsstündige Leistungskurse sollen den SchülerInnen eine stärkere Konzentration und intensivere Beschäftigung auf zwei Fächer ermöglichen.

Das Konzept der Grundbildung soll nicht länger über die Verpflichtung auf möglichst viele zweistündige Fächer und die Hervorhebung der Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik definiert werden. Grund¬kurse sollen wieder mindestens dreistündig sein. Das fünfte Prüfungsfach und die zwangsweise Koppe¬lung von Kursen soll abgeschafft werden.

Die Reduzierung der Wochenstundenzahl in den Sekundarstufen I und II ermöglicht, dass Gymnasien bzw. gymnasiale Oberstufen auch als offene und gebundene Ganztagsschulen geführt werden, die den Schülerinnen ein umfassenderes Bildungsangebot eröffnen, als das unter den Bedingungen von G8 möglich ist.