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Gesamtschule in Niedersachsen


03. Mai 2008
Einschätzung zum Regierungsentwurf der niedersächsischen Schulgesetznovelle


War’s das?


Von Herbert Kastner

Das vollmundige Versprechen des Ministerpräsidenten vor der Wahl, neue Gesamtschulen wieder zuzulassen und das in Deutschland einmalige gesetzliche Errichtungsverbot wieder aufzuheben, ist durch die von der Koalition vorgesehene Novellierung des Schulgesetzes als Wahllüge enttarnt worden. Vertreter der Landesregierung sprechen ganz unverblümt nicht von einer Aufhebung, sondern nur von einer Lockerung des Verbots. Die „Hürden“, die eine Errichtung neuer Gesamtschulen aufgrund erheblichen Bedarfs erschweren, lassen nur den ideologisch begründeten Willen erkennen, Gesamtschulen möglichst zu verhindern und dem vielfachen Elternwillen auch künftig nicht voll nachzugeben.

Allein die von der Kultusministerin genannte Zahl von erforderlichen 130 Schüleranmeldungen pro Jahrgang ist pädagogischer Unfug und in ländlichen Räumen kaum zu erreichen. Will man „Mammutschulen“, die doch bei manchen „alten“ Gesamtschulen als negatives Merkmal angemerkt wurden? Dass diese Schulen aus pädagogischen Gründen und nicht etwa aus Mangel an Anmeldungen inzwischen sinnvolle und pädagogisch verantwortbare Größen haben, hat diese Landesregierung anscheinend noch nicht bemerkt. Und ihre Unkenntnis der Realität geht sogar so weit, dass sie nicht mal zur Kenntnis nimmt, dass es schon immer auch kleinere Gesamtschulen gibt und die neuen Gesamtschulen fast immer kleiner sind und gut bewertet werden .Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel Unkenntnis im Kultusministerium herrscht. Oder sollte auch hier die Taktik maßgebend sein, Gesamtschulen auf jeden Fall zu verhindern?

Die „Nachhaltigkeit“, ein heute viel gebrauchter Begriff, dadurch feststellen zu lassen, dass Eltern von Kindern im Kindergartenalter sich bereits für den fünf Jahre später erfolgenden Besuch ihres Kindes in einer Gesamtschule entscheiden sollen, kann nur als grober Unfug und wohl auch wieder als taktisches Verhinderungsmanöver verstanden werden. Diese Landesregierung will einfach keine Gesamtschulen!

Die demographische Entwicklung mit dem bereits jetzt erkennbaren Rückgang der Schülerzahlen wird gerade in ländlichen Bereichen das gegliederte Schulsystem auf Dauer stark behindern, wenn nicht schon aus finanziellen Gründen verhindern. Vielleicht hat das Kultusministerium im Wirbel der vielen Unruhe stiftenden Maßnahmen vergessen, dass auch eine eigene Kommission zum Schluss gekommen ist, dieses System nicht überall durchhalten zu können. Sollte das Kultusministerium unfähig sein, eine langfristige Schulplanung vorzunehmen? Es weiß bestimmt, dass es zu Zusammenschlüssen von Schulformen kommen muss. Und ich bin sicher, dass diese Landesregierung auch dann nicht Gesamtschulen ohne Wenn und Aber zulassen wird, weil sie weder den Elternwillen respektiert, noch wissenschaftliche Erkenntnisse unvoreingenommen zur Kenntnis nimmt, noch die vielfach sozial bedingte Selektion aufheben will.

Wie manch andere von der CDU geführte Landesregierung wird auch unsere das Gymnasium unangetastet lassen und Haupt- und Realschulen zusammenfassen, unter welcher Bezeichnung auch immer. Aus einem selten gewordenen Drei-Stände-System wird eine Zwei-Stände-Schule entstehen mit dem Gymnasium als „Königsweg“ und vorrangig angestrebte Schulform ganz oben und die andere Schule ganz unten. Solange diese Rangfolge in der Tat bestehen bleibt, lässt sich nicht von Gleichwertigkeit der Schulformen reden und wird die Selektion erhalten bleiben.

Dieser Verhinderungsstrategie von Gesamtschulen dienen alle taktischen Manöver. Nur muss die Landesregierung wissen, dass dieses Spiel, das sie zulasten von unzähligen Kindern und Jugendlichen betreibt, durchschaut ist. Sie sollte zur Kenntnis nehmen, wie viele Hoffnungen sie zerstört hat und dass nicht vergessen wird, was von Versprechungen vor der Wahl zu halten ist. Sie hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt und damit nicht nur sich selbst, sondern dem Ansehen von Politik schlechthin geschadet. „Wenn das Bildungssystem versagt, ist das ganze Gesellschaftssystem in ihrem Bestand bedroht“. Dieses Wort Pichts von der „Bildungskatastrophe“ gilt heute wie vor vierzig Jahren. Ich fürchte, diese Landesregierung ist nicht bereit oder fähig, das zu verhindern.


Herbert Kastner gilt als "Vater der niedersächsischen Gesamtschulen", 1971 vom damaligen Kultusminister Peter von Oertzen als Leiter der Planungsgruppe Gesamtschulen im Niedersächsischen Kultusministerium eingesetzt, Referent im niedersächsischen Kultusministerium von 1971 bis 1989, u.a. zuständig für Gesamtschulen und deren Gründung




 

 

 






   
   
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