Allgemeinbildende Schulen

Bessere Schule durch verkürzten Unterricht?

Alle, die mit Schule zu tun haben, wissen: Auch bei einer hundertprozentigen Unterrichtsversorgung kann keine Schule die pädagogischen Angebote organisieren, die Schüler-Innen heute brauchen. Die per Erlass zugewiesenen Stunden reichen gerade mal fürs Kerngeschäft: Unterricht nach Stundentafel, Vertretungsunterricht, unter Umständen einzelne Zusatzangebote am Nachmittag – aber nur, wenn es richtig gut läuft und keine personellen Ausfälle zu verzeichnen sind. Nur wenige Schulen sind so ausgestattet, dass sie z.B. mit Hilfe von Stunden für den „gebundenen Ganztag" und zusätzlichem pädagogischen Personal über den Kernunterricht hinaus pädagogisch attraktive AG-Angebote, Förder- oder Verfügungsstunden, Freiarbeit, Beratungs- oder Arbeits- und Übungsstunden anbieten können. Überall sonst gilt es, allein den Mangel zu verwalten.

Der Regelfall: Zugewiesene Stunden reichen nicht aus

Die Zahl der verpflichtenden Unterrichtsstunden pro Klasse ist durch die Stundentafeln festgeschrieben. Die Stunden sind in der Regel pro Jahrgang bestimmten Fächern zugeordnet. Eine Verfügungsstunde wird in der Sek I in allen Schulformen nur dem 5. Jahrgang zugestanden. Gemäß Klassenbildungserlass erhalten Oberschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, IGS und Förderschulen vom 5. bis 10. Schuljahr zusätzlich zwei Stunden je Klasse (Poolstunden). In der Regel werden diese Stunden genutzt, um z. B. Förderangebote und Wahlangebote anzubieten oder um Lerngruppen zu teilen. Eine Schule kann die Poolstunden beispielsweise auch in weitere Verfügungsstunden investieren. Häufig sind sie aber erforderlich, um die Stundentafel überhaupt annähernd erfüllen zu können.
Zu dieser Grundausstattung kommen je nach Status der Schule die Ganztagszuschläge. Bei den meisten sogenannten Ganztagsschulen – und es gibt nur relativ wenige besser ausgestattete gebundene Systeme – gibt es zwei Stunden pro Klasse in Jahrgangsstufe 5 und 6 – mehr nicht! In der Praxis reicht die Summe aus Pool- plus Ganztagsstunden nicht aus, die pädagogisch erforderlichen Zusatzangebote für alle Jahrgänge zu organisieren.

Pädagogische Notlösung: 40-Minuten-Stunden
Deshalb haben einzelne Kollegien beschlossen, durch eine Verkürzung der Unterrichtsstunden von 45 auf z.B. 40 Minuten zusätzliche Lehrerstunden zu erwirtschaften, um pädagogische Angebote zu ermöglichen.
Eine Oberschule (oder eine IGS) kann so pro voll beschäftigter Lehrkraft mit einer Regelstundenzahl von 25,5 Stunden (IGS: 24,5) insgesamt maximal 3,2 (IGS: 3,1) zusätzliche Unterrichtsstunden „gewinnen". Die so erwirtschafteten Stunden können dann entweder für pädagogische Projekte wie Arbeits- und Übungsstunden, Freiarbeit und Hausaufgabenhilfe eingesetzt werden, oder aber auch für reguläre Unterrichtsstunden, wenn mal wieder „Not am Mann" ist... Gemäß Punkt 12.1. des sog. Deregulierungserlasses ist nach Zustimmung des Schulvorstandes eine solche Stundenverkürzung zwar erlassgemäß, widerspricht aber der Arbeitszeitverordnung.

Ein erster Schritt zur Verlängerung der Arbeitszeit
Auf den ersten Blick eine ideale Lösung. Allerdings sind die Folgen für SchülerInnen und Lehrkräfte bei genauerer Betrachtung gravierend. Der unverändert umfangreiche Unterrichtsstoff muss in kürzerer Zeit vermittelt und bearbeitet werden. KollegInnen, die die Stundenverkürzungen praktizieren, wenden zwar ein, die zusätzlichen pädagogischen Angebote kompensierten die Kürzungen der Fachstunden durch ihre motivierende und den Lernerfolg steigernde Wirkung. Eine Stundenverkürzung darf jedoch nicht die rechtlich verbindlichen Vorgaben über die Unterrichtszeiten nach den Stundentafeln der Grundsatzerlasse insgesamt unterschreiten.
Verkürzte Unterrichtsstunden können die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte erheblich steigern. Das ergibt sich unmissverständlich aus der „Verordnung über die Arbeitszeit der Lehrkräfte an öffentlichen Schulen (ArbZVO-Lehr)" (Stand 19. Dezember 2011), in der es in § 3 (Regelstundenzahl) im Absatz 1 heißt: „Die Regelstundenzahl ist die Zahl der Unterrichtsstunden, die vollbeschäftigte Lehrkräfte im Durchschnitt wöchentlich zu erteilen haben. Eine Unterrichtsstunde wird mit 45 Minuten berechnet." Für jeweils acht Stunden à 40 Minuten muss deswegen gemäß ArbZVO eine Unterrichtsstunde mehr gearbeitet werden. Denn pro verkürzte Unterrichtsstunde sind fünf Minuten nachzuarbeiten (8 x 5 = 40). Ein erstes Beispiel: Eine Lehrkraft an einer Oberschule mit einer Unterrichtsverpflichtung von 25,5 „normalen" Stunden müsste dann also 28,7 verkürzte Stunden unterrichten.
An vielen Schulen ist es Teil des Kürzungsbeschlusses, dass diese zusätzliche Stunde in von der Schule beschlossene pädagogische Zusatzangebote eingebracht wird. Und bekanntermaßen sind gerade diese intensiv vor- und nachzubereiten und kosten viel Arbeit.
Ein weiteres Beispiel: Würde z.B. eine Gymnasiallehrkraft das gesamte Deputat von 23,5 Stunden verkürzt unterrichten, kämen 2,9 zusätzliche Unterrichtsstunden hinzu, die – gegebenenfalls auch noch für zusätzliche Lerngruppen und mit weiteren Korrekturen – vor- und nachzubereiten wären. Eine Grundschullehrkraft müsste 3,5 Stunden mehr unterrichten.
Zeit für wichtige zusätzliche Aufgaben in der Schule wird so auf Kosten der Lehrkräfte erwirtschaftet. Durch die Mehrbelastung der Lehrkräfte und auch der SchülerInnen wird zudem ein Mangel kaschiert, den die Landesregierung zu verantworten hat. Statt die Schulen im erforderlichen Maß auszustatten, wird suggeriert, man könne gute pädagogische Angebote einfach mit sogenannten Bordmitteln erwirtschaften, so man nur willens ist...
Die GEW fordert, dass alle Schulen, die es beantragen, so mit Stunden ausgestattet werden, dass ein rhythmisiertes und verbindliches Ganztagsangebot ohne Abstriche organisiert werden kann. In den Stundentafeln sind außerdem für alle Klassenstufen Verfügungsstunden vorzusehen.
Die GEW lehnt es ab, dass diese Stunden durch die Verkürzung von Unterrichtsstunden erwirtschaftet werden, die faktisch die Arbeitszeit der Lehrkräfte verlängern.

 

Verordnungen und Erlasse

  • „Verordnung über die Arbeitszeit der Lehrkräfte an öffentlichen Schulen (ArbZVO-Lehr)" (Stand 19. Dezember 2011) Absatz 1: „Die Regelstundenzahl ist die Zahl der Unterrichtsstunden, die vollbeschäftigte Lehrkräfte im Durchschnitt wöchentlich zu erteilen haben. Eine Unterrichtsstunde wird mit 45 Minuten berechnet.
  • „Unterrichtsorganisation" RdErl. d. MK vom 20.08.2005 (SVBl. S. 525) Punkt 1: „Die Dauer einer Unterrichtsstunde beträgt an den allgemein bildenden Schulen grundsätzlich 45 Minuten."
  • Erlass „Übertragung erweiterter Entscheidungsspielräume an Eigenverantwortliche Schulen" („Deregulierungserlass") RdErl. d. MK v. 09.06.2007 Punkt 12 „Unterrichtsorganisation": Dauer der Unterrichtsstunde kann geändert werden.

Verordnungen stehen rechtlich über Erlassen; Erlasse dürfen deswegen Verordnungen nicht widersprechen.