Allgemeinbildende Schulen

Was bringt das gemeinsame Abitur?

„Das gemeinsame Abi kommt" (Neue Presse), „Bald vergleichbares Abitur in ganz Deutschland", (Hannoversche Allgemeine), „Abitur bald überall gleich schwer" (Die Tageszeitung), „Abitur light adé" (Frankfurter Rundschau), „Kleiner Schritt zum Einheitsabitur (Süddeutsche)" - so titeln große Tageszeitungen am 20./21. Oktober 2012. Allenthalben wird beklagt, dass nun zwar ein wichtiger Schritt zur Vergleichbarkeit getan wäre, dass es aber im Grunde genommen mehr Zentralismus' in Deutschland bedürfe. Und es wird suggeriert, dass das Abitur in den Bundesländern bisher völlig unterschiedliche Niveaus habe. Barbara Dorn, Abteilungsleiterin für Bildung/Berufliche Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber (BDA), bekommt schließlich in den Tagesthemen viel Zeit, um ein gemeinsames Kernabitur zu fordern, in dem die gleichen Aufgaben zur gleichen Zeit überall in Deutschland gestellt werden sollen.

Durch populistische Formulierungen von Spitzenpolitikern, der damalige Ministerpräsident McAllister vorneweg, erscheint dies auch geradezu folgerichtig, denn das „bundesweite Zentralabitur" sollte ja den großen Sprung nach vorne bringen. Dabei ist führenden Politikern offenbar völlig unbekannt, dass es noch geltende bundesweite einheitliche Abituranforderungen (EPA) gibt, die äußerst sinnvolle Orientierungen geben, und dass „intern" jedes Jahr in den Kultusministerien Aufgabenstellungen der Bundesländer reflektiert und verglichen wurden, was längst zu Niveauangleichungen der Länder geführt hat. (Eine Anmerkung, die schmunzeln lässt: So hat z. B. Bayern den Anforderungsbereich III -Transfer/Bewerten - der Abituraufgaben, der höchste Anforderungen stellt, aus dem „Norden" übernehmen müssen. Man kannte vorher nur die Anforderungsbereiche „Reproduzieren" und „Analysieren"!)


Worin besteht nun das „Neue"? Die Formulierung von Standards und ihre Umsetzung in Kompetenzen sind Zauberwörter, die eine Vergleichbarkeit garantieren sollen. Und so haben sich die Kultusminister am 19.10.2012 darauf geeinigt, dass bundesweit ab 2016/17 gültige Abiturstandards in den Fächern Deutsch, Englisch/Französisch und Mathematik eingeführt und in weiteren Fächern folgen werden. Allerdings ist den Fachleuten bei den Umsetzungsversuchen gemeinsamer zentraler Prüfungen in ganz Deutschland offensichtlich längst klar geworden, dass das Wesen der Standardorientierungen nicht in die Fixierung identischer Aufgabenstellungen mündet, sondern dass es um die Beschreibung gemeinsamer Anforderungsbereiche und Fixierung gleichwertiger Anforderungslevels geht. Und so finden sich nun Musterbeispiele und Aufgabenpools, aus denen ausgewählt werden kann, und es gibt nur „einen Block pro Fach" von mehreren, der im Abitur in den Bundesländern gleich sein soll.
Vielleicht hat man hat sogar begriffen, dass gerade ein an Standards und Kompetenzen orientiertes Abitur dezentrale Aufgabenstellungen nicht nur ermöglichen, sondern geradezu herausfordern könnte. Denn einig ist man sich schon darin, dass es zum Wesen der Standards und ihrer Umsetzung in Kompetenzen gehört, dass diese an unterschiedlichen „Inhalten" ausgewiesen werden können.
Dabei bleibt dennoch umstritten, was Standards eigentlich ausmacht, und die Schwierigkeit bleibt bestehen, sie in Kompetenzen umzusetzen. So gehen die Einschätzungen vieler hochqualifizierter Fachleute in Bezug auf die „Standards" auch weit auseinander. Die Spanne der Meinungen bewegt sich zwischen der Position, dass Standardorientierungen leider zum Lernen ohne Inhalt führten, und der Position, dass sich Inhalte heute nicht mehr genau fixieren ließen, da das „Wissen" exponentiell wachse und es deshalb auf die Entwicklung von Aneignungsbefähigungen ankomme.
Die moderne Lernforschung, aber auch die Alltagserfahrungen von LehrerInnen zeigen dagegen, dass Lernen am besten funktioniert, wenn exemplarisch gelernt werden kann. Exemplarisch lernen heißt, viel Zeit und Raum zu geben, um an ausgewählten Beispielen/Inhalten viel Denk- und Reflexionsvermögen fächerspezifisch und fächerübergreifend erwerben zu können. Auf den Verständnis- wie auf den methodischen Ebenen wird gewissermaßen „in die Tiefe" gegangen. Exemplarisches Lernen braucht viel Zeit und führt zu hervorragenden Lernergebnissen. Es kann aber nicht bundesweit eng inhalts- und themenspezifisch verordnet werden, sondern entwickelt sich am besten, wenn bestimmte Lernmöglichkeiten vor Ort berücksichtigt werden, an bestimmte Interessen von SchülerInnen angeknüpft wird und auch besondere Qualifikationen von LehrerInnen eine Rolle spielen. Damit werden Eigenständigkeit, Eingebundenheit und Erfolgszuversicht aller Beteiligten gefördert, was Motivationen und Lernerfolge von SchülerInnen maßgeblich bestimmt. Entsprechend dieser Schwerpunktsetzungen können dann auch hohe Qualifikationen von SchülerInnen in einem Abiturabschluss auf der „Höhe der Zeit" erbracht werden, die zudem den Anforderungen der Universitäten entsprechen.


Die GEW ist der Meinung, dass die Debatte um den möglichen Gewinn durch die Standard- bzw. Kompetenzorientierung eigentlich erst noch zu führen ist. Und zur Klärung der Probleme muss die Verbindung zu dem, was man als „Bildung" bezeichnet, aufgenommen werden. Zu fragen wäre also zunächst nach dem Bildungsbegriff, der der Arbeit im Gymnasium zugrunde liegen soll, damit Orientierung in der heutigen Welt und Qualifikation für die heutige Welt auch fächerspezifisch sinnvoll ermöglicht wird.
Politiker sollten sich vorsichtig, sensibel und problembewusst in der Öffentlichkeit zu „Schule" äußern und betonen, dass es vieler Zeit für die Entwicklung und Erprobung sinnvoller Reformen bedarf, wobei an Bewährtes angeknüpft werden sollte. Die Fixierung auf Abiturabschlussarbeiten greift ohnehin zu kurz, weil diese immer nur einen Teil notwendigen Lernens (und auch der Prüfungen) erfassen.
Aber es erscheint nicht ausgeschlossen, dass man demnächst ein europaweites Zentralabitur mit „gleichen Aufgaben für alle zur gleichen Zeit" fordern wird, ohne mit der Komplexität der Materie ausreichend vertraut zu sein. Und weite Teile der Medien werden dies auch noch naiv unterstützen.