Allgemeinbildende Schulen

Besseres Lernen im Gymnasium und der Oberstufe

Vorschläge der GEW beim DialogForum „Gymnasium gemeinsam stärken!"

Auf dem von der Kultusministerin Frauke Heiligenstadt Anfang Juni einberufenen Dialogforum haben sich Eberhard Brandt und Henner Sauerland als Vertreter der GEW dafür eingesetzt, dass in der Sekundarstufe I des Gymnasiums und in der Oberstufe von Gymnasien und Gesamtschulen die Lehr- und Lernbedingungen wieder verbessert werden, so dass höhere Leistungen bei weniger Stress möglich werden.

Es gehe nicht nur um die Wiedereinführung von G9, sondern darum, engschrittiges Pauken durch vertieftes Lernen in Sinnzusammenhängen zu über¬winden und einen umfassenderen Bildungsbegriff zu realisieren, der z. B. auch musisch-kulturelle und technische Bildung sowie Wahlunterricht mit individueller Schwerpunktbildung Raum gibt. Auch die Lebens- und Arbeitswelt-Orientierung müsse im Curriculum des Gymnasiums verstärkt verankert werden.
Die GEW will eine einheitliche Regelung für die Sekundarstufe II an Gymnasien und Gesamtschulen. Die GEW plädiert zudem für fünfstündige Kurse auf erhöhtem Niveau (Leistungskurse) und für dreistündige Kurse (Grundkurse) auf grundlegendem Niveau. So können sich die SchülerInnen intensiver auf weniger Kurse konzentrieren und das Niveau ihrer Arbeit erhöhen. Außerdem setzt sich die GEW dafür ein, dass die Zahl der Prüfungsfächer wieder auf vier begrenzt wird und statt Zwangsprofile wieder mehr individuelle Profile und die thematische Kooperation von Fachkursen ermöglicht werden.
Die GEW hat vorgeschlagen, die Durchlaufzeit der Oberstufe durch Module zu flexibilisieren („Abitur im eigenen Takt"). So könnten AbiturientInnen in drei Jahren das Standardprogramm der Oberstufe durchlaufen oder unter bestimmten Bedingungen die Sek II auch bereits in zwei Jahren absolvieren. Guten und sehr guten SchülerInnen muss es auch ermöglicht werden, neben den reinen Pflichtkursen in größerem Umfang zusätzliche Kurse z. B. in Naturwissenschaften oder Sprachen zu belegen.

Zurück zu G9

Auf dem Treffen plädierten GEW, Philologen- und Schulleitungsverband, Direktorenvereinigung, VBE und die Vertreter der Hochschulen für eine Rückkehr zu G9, die VertreterInnen der Eltern und SchülerInnen wollen eher bei G8 bleiben, forderten aber bessere Rahmenbedingungen.
Zum Schluss des Treffens fasste Kultusministerin Frauke Heiligenstadt die Ergebnisse aus ihrer Sicht zusammen:
Niemand plädiert für G8 oder G9 nach Entscheidung von Schule bzw. Schulträger. Es soll einheitliche Sek II-Regelungen für Gymnasien und Gesamtschulen geben.
Unabhängig von der Priorisierung von G8 oder G9 halten alle Organisationen die Sek II für reformbedürftig, auf alle Fälle sind die Kerncurricula zu überarbeiten.
Man muss darüber nachdenken, ob in Zukunft (wieder) vier oder fünf Prüfungsfächer Pflicht werden und ob zu fünfstündigen Leistungs- und dreistündigen Grundkursen zurückgekehrt wird.
Eine Reduzierung der Anzahl der Klausuren ist möglich, wenn mehr als eine Klausur pro Halbjahr vorgeschrieben ist.
Niemand will vorschnelle und unreflektierte Veränderungen.
Das Ministerium will die Vorschläge überprüfen und nach den Sommerferien in Fachforen weiterdiskutieren lassen, um sie dann in die entsprechenden Verordnungen und Erlasse einzuarbeiten.
Die GEW-Vertreter legten Wert darauf, dass die notwendigen Veränderungen in der Sek I und Sek II in Ruhe geprüft und mit den Beteiligten diskutiert werden. Mit Beginn des Schuljahres 2015/2016 müssen die Veränderungen dann aber in Kraft sein.

Zur Vorbereitung des Dialogforums „Gymnasium gemeinsam stärken!" hatte das Kultusministerium vier Themenkomplexe vorgegeben. Im Folgenden werden die Positionen der GEW zu den Fragenkomplexen skizziert.

1. Themenkomplex: Dauer der Schulzeit bis zum Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife nach zwölf oder dreizehn Schuljahren

Zahlreiche Untersuchungen und die praktischen Erfahrungen in den Gymnasien zeigen, dass viele SchülerInnen durch G8 stark belastet sind. Nachhaltiges Lernen unter Zeitdruck ist kaum möglich. Durchschnittlich 33 bzw. 34 Wochenstunden, die in den letzten vier Schuljahren verpflichtend sind, gehen auf Kosten von selbst gewählten Aktivitäten und Freizeit. Die Anforderungen des Zentralabiturs tun ihr Übriges.

Das Abitur nach 13 Jahren muss an den Gymnasien deswegen grundsätzlich wieder zur Regel werden. Eine Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur wird durch individuelles Überspringen von Jahrgängen, freiwilliges Wiederholen bzw. Zurücktreten möglich bleiben.

Die GEW lehnt die Möglichkeiten ab, dass Schulen sowohl G8 als auch G9 alternativ anbieten. Die Schulen würden organisatorisch und pädagogisch überfordert. Wenig sinnvoll ist es auch, dass Schulen sich für G8 oder G9 entscheiden können bzw. müssen. Letzteres fördert unnötige und wenig produktive Konkurrenz, z. B. in Regionen mit mehreren Gymnasien. Beide Optionen erhöhen zudem die Schwierigkeiten des Wechsels zwischen verschiedenen Gymnasien.

Für die Sek II ist eine einheitliche Regelung für Gymnasien und Gesamtschulen wichtig, um die Kooperation zwischen Gymnasien und Gesamtschulen zu ermöglichen.

Bereits während der Sekundarstufe I müssen SchülerInnen durch professionelle Beratung der Schule die Möglichkeit erhalten, ihren individuellen Stärken und Schwächen entsprechend Dauer und Schwerpunkte ihrer Schullaufbahn bis zum Abitur festzulegen. Insgesamt muss ein solches Konzept

  • das Abitur auf bisherigem Niveau erhalten,
  • Freiräume für neues schulisches, aber auch außerschulisches Lernen schaffen,
  • individuelle Entwicklungsmöglichkeiten von SchülerInnen berücksichtigen,
  • die Fixierung auf Abschlüsse abmildern und „Bildung" mehr in den Focus rücken,
  • eine Schule der Entschleunigung fördern, die vertiefendes kognitives und emotionales und damit auch nachhaltiges Lernen ermöglicht.

Die Sekundarstufe I umfasst die Jahrgänge 5 bis 10. Die Zahl der Pflichtstunden pro Jahrgang beträgt höchstens 30 Wochenstunden.
Bei einer Neukonzeption der Arbeit in der Sekundarstufe I sind unter anderem folgende Aspekte zu beachten: Beginn der zweiten Fremdsprache in Jahrgang 7, Klassenlehrerstunden in allen Jahrgangsstufen, Integration von Fächern (z. B. im Bereich der Naturwissenschaften) und Fächerübergriff, projektartiges Lernen, individuelle Schwerpunktsetzung durch Wahlpflichtkurse und Arbeitsgemeinschaften, ausreichend Zeit für musisch-künstlerische Erziehung und Sport, individuelle Lernförderung, neue Formen der Leistungsüberprüfung, gebundener Ganztag (wenn von der Schule gewünscht).

Ein flexibles (modularisiertes) Kurssystem in den Jahrgängen 11 bis 13 sollte den SchülerInnen anbieten, die Einführungs- und Qualifikationsphase je nach Schwerpunktsetzung und individueller Entscheidung und Belastbarkeit in zwei bis vier Jahren zu durchlaufen („Abitur in eigenem Takt").

 

2. Themenkomplex: Anzahl der Abiturprüfungsfächer und Umfang der Wochenstunden der Fächer auf erhöhtem und auf grundlegendem Anforderungsniveau

Anstelle der jeweils vierstündigen Kurse auf grundlegendem und erhöhtem Niveau werden wieder dreistündige Grundkurse und fünfstündige Leistungskurse unterrichtet. Eine klare Unterscheidung des Niveaus muss sich auch in der Stundenzahl niederschlagen. Man kann in einem Leistungskurs ganz anders in Stoff und Methode einsteigen, wenn man in einem normalen Halbjahr gut 100 Stunden zur Verfügung hat und - blockt man die Einzelstunden im Leistungskurs - alle zwei Wochen drei Doppelstunden in der Woche unterrichtet. Man kennt die SchülerInnen besser und hat mehr Zeit und Ruhe, methodisch unterschiedlich vorzugehen, zu üben und zu sichern, mal hochkonzentriert auch Kompliziertes zuzumuten oder auch einfach mal zu verschnaufen. Es wird nachhaltiger gelernt.
Es ist zu überlegen, ob die Kernfächer (Deutsch, Mathematik, Fremdsprache) grundsätzlich vierstündig erteilt werden.

Anstelle von fünf gibt es wieder vier Prüfungsfächer: Die drei Aufgabenfelder müssen und können abgedeckt werden. Schwerpunkt können SchülerInnen auch durch Fächer stärken, die nicht unbedingt Prüfungsfächer sind. Es sollte den Schulen wie bisher überlassen bleiben, ob über die landeseinheitlichen Regelungen zur Prüfungsfachwahl hinaus weitere Auflagen zur Profilbildung für die SchülerInnen bei der Fächerwahl gelten sollen. An kleineren Sek II-Standorten kann es nötig sein, dass z. B. bei der Wahl des naturwissenschaftlich-mathematischen oder des sprachlichen Schwerpunkts schulische Fächervorgaben gelten.

Es ist zu prüfen, ob Leistungen, die über den reinen Fachunterricht hinausgehen, mehr Gewicht bekommen sollten. Hier lernen SchülerInnen oft viel für Ausbildung und Studium. So könnten Umfang und Bedeutung des Seminarfachs ausgebaut und ergänzt werden. In Bremen ist z. B. eine fächerübergreifende Projektarbeit in einem Halbjahr der Qualifikationsphase, an der mindestens zwei Fächer beteiligt sind, in die Gesamtqualifikation einzubringen. Verschiedene Gymnasien in Niedersachsen praktizieren mit großem Erfolg die Besondere Lernleistung. Dokumentierte Praktika könnten einen anderen Stellenwert erhalten usw.

 

3. Themenkomplex: Formen der Leistungsüberprüfung in der Gymnasialen Oberstufe

Würde man Leistungs- und Grundkurse wieder einführen und die Zahl der P-Fächer reduzieren, könnten - je nach Unterrichtseinsatz der Lehrkraft - Korrekturzeiten bereits zurückgehen. Es kann SchülerInnen z. B. bei der Vorbereitung des Studiums oder der Berufsausbildung nützen und die Belastung der Lehrkräfte reduzieren, wenn in bestimmten Bereichen schriftliche Klausuren durch andere Formen der Leistungsüberprüfung ersetzt werden, z. B. durch Referate, Präsentationen, Vorführungen, Berichtsmappen. Auch vor dem Hintergrund der großen Stundenzahl, die die SchülerInnen zu absolvieren haben, können variable (Über-)Prüfungsformen motivieren und entlasten. Diese Prüfungsformen lassen sich häufig auch gut in den normalen Unterricht integrieren, d. h. es fällt auch weniger Unterricht aus, weil Klausurtage wegfallen können.

Wird der Druck auf die SchülerInnen abgebaut, lernen und arbeiten diese motivierter und engagierter - das entlastet die Lehrenden ungemein, erhöht Lehr- und Lernfreude und verbessert die Ergebnisse.

 

4. Themenkomplex: Kerncurricula und Fachstundenvorgaben

Eine Reduzierung der Beleg- und Einbringungsverpflichtungen würde die SchülerInnen erheblich entlasten. Die Konzentration auf weniger verpflichtende Fächer fördert das nachhaltige Lernen. Ein großes Problem ist, dass die Kerncurricula im Wesentlichen nur bezogen auf ein Fach entwickelt werden. Da zumeist Fächerverbindendes und -übergreifendes nicht mitgedacht wird, fehlt Synergie.