Resolution | Hochschulen, Forschung und Wissenschaft in der Region stärken

2011-10-11
Resolution | Hochschulen, Forschung und Wissenschaft in der Region stärken
Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz
1. Bildungs- und Ausbildungskapazitäten ausbauen

1.1 In Niedersachsen werden akademische Ausbildungskapazitäten benötigt, die mit vielfältigen Möglichkeiten und Schwerpunkten ein attraktives Angebot für den regionalen Qualifizierungsbedarf realisieren und auch überregional ausstrahlen. Die Exzellenzförderung der Wissenschaft und Forsch und an deutschen Hochschulen durch den Bund und das Land Niedersachsen und der Aufbau kostenintensiver Studiengänge, z. B. die Medizinische Fakultät in Oldenburg, dürfen deshalb nicht auf Kosten der vorhandenen Kapazitäten erfolgen. Es ist notwendig, dass auch kleine und mittelgroße Hochschulen zusätzliche materielle Unterstützung erfahren.

1.2 An den Hochschulen in Niedersachsen ist auf Grund des wachsenden Studienplatzbedarfs der qualitative Ausbau der Studienangebote dringend erforderlich. Alle freiwerdenden Stellen müssen sowohl neu besetzt, aber auch neue eingerichtet werden, damit die Hochschulen in ihren Lehr- und Forschungsbereichen attraktiv bleiben.

1.3 Neben Professuren und Qualifikationsstellen benötigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ausreichend Stellen, auf denen Wissenschaftler/innen mit unbefristeten Verträgen Wissenschaft als Beruf ausüben können. Nur so lassen sich die Daueraufgaben in Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement mit der erforderlichen Kontinuität und Qualität erfüllen. Und nur dann eröffnen sich qualifizierten jungen Wissenschaftler/innen berufliche Perspektiven - auch neben einer Professur. Diese Stellen müssen tariflich angemessen besoldet werden.

1.4 Zur besseren Nutzung eines vielfältigen regionalen akademischen Ausbildungsangebotes, müssen die Kooperationsbeziehungen zwischen den Hochschulen unabhängig von Landes- und Staatsgrenzen intensiviert werden. Dazu gehört auch die unbürokratische gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen an verschiedenen Hochschulorten und unterschiedlicher Hochschulzugangsberechtigungen.

2. Forderungen zur Hochschulpolitik

2.1 Die zukunftsorientierte Hochschulausbildung verlangt eine breite Grundausbildung, die in der Lehre eng mit Forschung verknüpft ist und in der Interdisziplinarität einen besonderen Stellenwert erhält. Nur mit einer solchen Grundausbildung kann der Anspruch auf lebenslanges Lernen erfüllt werden. Das BA/MA-Studium ist folglich zu „entschulen“ und vom großen Prüfungsdruck ab dem ersten Semester zu befreien. Fachspezifische Module müssen zwischen den beiden Hochschultypen gegenseitige Anerkennung erfahren. Jede/r Studierende mit Bachelorabschluss muss nach Beratung die Möglichkeit erhalten, in die Masterphase zu wechseln. Die wissenschaftliche und berufliche Spezialisierung soll in der Master- oder Promotionsphase erfolgen.

2.2 Eine Neuorientierung zu einer demokratischen Hochschulpolitik ist notwendig; es ist wegzukommen von der Vorstellung, Hochschulen seien Unternehmen mit Präsidien (als Unternehmensvorstand) und Hochschulräten (als Aufsichtsrat). Demgegenüber sind die demokratischen Rechte der Hochschulmitglieder und der vorhandenen Gremien (Senate, Fakultäts- und Fachbereichsräte usw.) wieder zu stärken.

2.3 Notwendig ist eine Neuorientierung der Forschungs- und Hochschulpolitik, weg von der Bevorzugung weniger und intransparent ausgewählter Schwerpunkte in der Forschungs- und Nachwuchsförderung zugunsten großer Unternehmen und Konzerne, hin zu einer Politik der Sicherung und Ausweitung der wissenschaftlichen Ausbildungs- und Forschungsfelder, die auch stärker kleinen und mittleren Unternehmen und ihren Arbeitnehmer/innen zugute kommen. Darüber hinaus müssen die kultur- und geisteswissenschaftlichen Fächer in der Forschungs- und Hochschulpolitik eine stärkere Berücksichtigung erfahren. Eine einseitige Drittmittelorientierung ist hier kontraproduktiv.

2.4 Für Menschen mit beruflichen Bildungsabschlüssen ist die Verbesserung des Zugangs zu Hochschul- und Universitätsstudiengängen durch Förderung von dualen und Teilzeit-Studiengängen, die praxisnah und sozial orientiert sind, dringend erforderlich. Damit wird den Lebensbedingungen junger Erwachsener mit geringem Einkommen und familiären Verpflichtungen Rechnung getragen.

2.5 Das Ziel der Erweiterung akademischer Ausbildungsanteile ist mit Studiengebühren nicht erreichbar. Studien (u. a. im Auftrag des BMBFs) bestätigen, dass Studiengebühren den Hochschulzugang für einige Bevölkerungsgruppen einschränken. Über die zukünftige Erhebung von Studiengebühren muss deshalb erneut öffentlich diskutiert werden – aus gewerkschaftlicher Sicht sind diese abzuschaffen. Gleichzeitig ist die öffentliche finanzielle Unterstützung von Studierenden dringend zu verbessern, damit akademische Ausbildungsmöglichkeiten nicht aus finanziellen Gründen scheitern. U. a. ist die Bewilligung und Vergabe von Stipendien dementsprechend an soziale Kriterien zu koppeln.

3. Lehr- und Forschungsvielfalt sicherstellen

3.1 Eine bevorzugte Orientierung auf Exzellenzwettbewerbe oder auf sog. internationale Spitzenforschung ist für Hochschulen, besonders für kleine und mittelgroße Universitäten, nicht tragfähig. Zur aussichtsreichen Beteiligung an diesen Wettbewerben ist eine Ressourcenbündelung notwendig, die häufig zu Lasten der Vielfältigkeit des Ausbildungsangebotes geht. Die Angebotsvielfalt der Studiengänge droht dadurch stark eingeschränkt zu werden. Eine internationale Ausrichtung der Forschungsleistungen ist aber für den besonderen Stellenwert der Forschung für gute Lehrleistungen weiterhin dringend erforderlich!

4. Dialog zur regionalen Entwicklung

4.1 Die akademischen Ausbildungs- und Forschungskapazitäten sind zusammen mit der schulischen und der beruflichen Bildung sowie den Angeboten für Kleinkinderziehung von zentraler Bedeutung für die regionalen Entwicklungen. Deshalb ist es notwendig, regionale Dialoge zur Entwicklung dieser Bildungsbereiche zu führen und die Hochschulen auch regional zu verankern.