Genderkompetenz ist Schlüsselqualifikation in der Lehrer_innenbildung

2013-09-24
Genderkompetenz ist Schlüsselqualifikation in der Lehrer_innenbildung
Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz
Die GEW Niedersachsen setzt sich für die Stärkung der professionellen Handlungskompetenz der Lehrer_innen durch die Vermittlung von Genderkompetenz als Schlüsselqualifikation in den Lehramtsstudiengängen sowie in der Weiterqualifizierung/Fort- und Weiterbildung ein.

Die GEW Niedersachsen setzt sich für die Integration der Geschlechterforschung in die Lehr-amtsstudiengänge ein. Die Integration der Frauen- und Geschlechterforschung trägt zur Stärkung der Profession sowie der Professionalisierungsprozesse und damit einhergehender Selbstreflexivität bei. Die Berücksichtigung der sozialen Kategorie Geschlecht und der gesellschaftlichen Konstrukti-onsprozesse zur Herstellung einer dichotomen, hierarchischen Geschlechterordnung ist nicht nur in den Sozial- und Kulturwissenschaften sowie in den Technik- und Naturwissenschaften ein zentrales Element wissenschaftlicher Erkenntnis sondern auch in den Bildungswissenschaften (Erziehungswissenschaft und Fachdidaktiken). Die Auseinandersetzung mit Geschlecht und Fragen der Herstel-lung von Differenz ist für alle Lehramtsstudiengänge relevant und muss darüber hinaus jeweils schul-form- und fachspezifisch in die Curricula integriert werden.

Die GEW Niedersachsen setzt sich dafür ein, dass die Genderkompetenz in der ersten Phase der Lehramtsausbildung insbesondere durch die inhaltliche Gestaltung der Studiengänge, die Weiter-qualifizierung der Lehrenden und die geschlechtergerechte Beratung der Studierenden erhöht wird.

In der inhaltlichen Gestaltung der Studiengänge sind
• Professionalisierungsprozesse der angehenden Lehrer_innen im Zusammenspiel von theoreti-schen und praktischen Einheiten reflexiv zu begleiten;
• Professionsaspekte des zukünftigen Lehrer_innenberufs aufzugreifen. Das bedeutet, die Profes-sion auf der individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Ebene zu analysieren, um die Vergeschlechtlichung von Arbeit und geschlechterdifferenzierte Zuschreibungen zu verdeutlichen;
• professionsbezogene Kommunikations- und Interaktionsprozesse sowie geschlechtsbezogene Wahrnehmungen zu thematisieren, damit Konstruktionsprozesse von Geschlecht in den Bil-dungswissenschaften und in Fachdisziplinen wissenschaftskritisch reflektiert werden können;
• Gender-Aspekte als Querschnittsthema in bestehende Studienfächer aufzunehmen und die Ver-ankerung eigenständiger Module/ Modul¬bestandteile zu Gender-Aspekten zu fördern.

In der Weiterqualifizierung für Lehrende sind Angebote zu machen
- zum aktuellen Stand der Frauen- und Geschlechterforschung;
- in der Hochschuldidaktik, zur Sensibilisierung der Lehrenden in Bezug auf die Umsetzung einer geschlechtssensiblen Lehre;
- zur Vermeidung impliziter Diskriminierung aufgrund von Geschlecht.

In der Betreuung und Beratung der Studierenden ist darauf hinzuwirken, dass
• die Geschlechterdifferenzen in der Berufspraxis an Schulen thematisiert werden,
• eine systematische, geschlechtsdifferenzierende Beobachtung des Arbeitsmarktes und eine Berücksichtigung dieser Erkenntnisse sowohl bei der Studienberatung als auch bei der Ausgestaltung der Curricula etabliert wird,
• Mentoring-Programme für das im jeweiligen Feld marginalisierte Geschlecht und in einzelnen Lehramtsausbildungen Maßnahmen zur Erhöhung des Männeranteils aufgelegt werden.

Die GEW Niedersachsen fordert das Kultusministerium auf, Genderkompetenz als Schlüsselqualifikation in Standards, Rahmenvereinbarungen, Gesetzen, Verordnungen und Erlassen zur Lehramtsausbildung zu verankern.
Mit den Standards für Lehrer_innenbildung in den Bildungswissenschaften der KMK (2004) ist ein Rahmen dafür gegeben. Darin ist festgelegt, dass Lehramts-Absolvent_innen „die Bedeutung geschlechtsspezifischer Einflüsse auf Bildungs- und Erziehungsprozesse“ und „pädagogische, soziologische und psychologische Theorien der Entwicklung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen“ kennen sollen. Des Weiteren sollen sie „ihre persönlichen berufsbezogenen Wertvorstellungen und Einstellungen“ reflektieren können. Insbesondere Reflexionsfähigkeit bezüglich Bildungs- und Erziehungsprozessen, aber auch -theorien, wird in den Standards mehrfach ein hoher Stellenwert zugesprochen, ebenso der Auseinandersetzung mit individuellen Lernprozessen und -voraussetzungen der Schüler_innen. Insgesamt zielen die inhaltlichen Anforderungen der KMK darauf, jeweilige Fächer entsprechend der heterogenen Voraussetzungen der Schüler_innen zu vermitteln und den Unterricht motivierend und lernfördernd gestalten zu können.

Zu den Regelwerken, die um Genderkompetenz ergänzt werden müssen gehören u.a.
• KMK-Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften,
• Rahmenvereinbarungen der KMK über die Ausbildung und Prüfung für die unterschiedlichen Lehrämter,
• Ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung,
• Empfehlungen zur interkulturellen Bildung und Erziehung in der Schule,
• Landesgesetze und Rahmenordnungen für die Ausbildung und Prüfung von Lehrkräften.

Genderkompetenz ist eine zentrale Schlüsselqualifikation für Lehrerinnen und Lehrer bei der Bewältigung sozialer und beruflicher Anforderungen, um das eigene Handeln reflektieren und kritisch befragen zu können. Sie umfasst das Wissen um kulturell/sozial bedingte und stereotypisierende Vor-stellungen, über Verhalten und Einstellungen von Frauen und Männern sowie die Fähigkeit so damit umgehen zu können, dass allen Menschen vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten jenseits von Geschlechterrollen eröffnet werden. Damit hat Genderkompetenz eine Schlüsselrolle, weil Geschlecht und damit verbundene Rollen, Aufgaben und Zuschreibungen nicht naturgegeben sind, sondern sozial konstruiert wird. Individuelle und gesellschaftliche Prozesse spielen dabei eine Rolle. Genderkompetenz ist als übergreifendes und grundlegendes Wissen aufzufassen, das Handlungsmöglichkeiten und Bewusstsein hervorbringt, um Einschränkungen aufgrund von Geschlecht abbauen zu können und somit individuelle Bedürfnisse zu erkennen und Chancen zu ermöglichen.

Genderkompetenz als Reflexionskompetenz für pädagogisches Personal setzt sich zusammen aus der Motivation, sich für Gleichstellung zu engagieren und zum Abbau von Geschlechterhierarchien beizutragen, dem theoretischen, wissenschaftlichen und historischen Wissen über Geschlecht, der Kenntnis von methodischen und didaktischen Wegen zur Umsetzung.