Mogelpackug Oberschule | Integrierte Gesamtschulen ohne Diskriminierung zulassen

2010-11-18
Mogelpackug Oberschule | Integrierte Gesamtschulen ohne Diskriminierung zulassen
Beschluss des Landesvorstands
Integrierte Gesamtschulen ohne Diskriminierung zulassen
- eine leicht erreichbare Schule sichern
- Eltern eine Alternative zum gegliederten Schulsystem bieten

Mogelpackung Oberschule

- Zweigliedrigkeit, die das dreigliedrige Schulsystem erhalten soll
- keine zukunftsträchtige Sicherung der Schulstandorte
- Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen appelliert an die Niedersächsische Landesregierung, Integrierte Gesamtschulen ohne Wenn und Aber zuzulassen und ihr die gleichen Startchancen zu geben wie ihrer neuen Lieblingsschulform „Oberschule“. Es reicht nicht aus, die Vierzügigkeit der neuen IGSen nur über eine Ausnahmeklausel zuzulassen.
- Keine Schulform darf bei den Klassengrößen und der Genehmigung des gebundenen Ganztags bevorzugt werden!
- Die GEW wendet sich gegen den Versuch, unter dem Etikett „Oberschule“ eine zweite Säule neben dem Gymnasium einzurichten, die im Kern das dreigliedrige Schulsystem konservieren soll und gegen die Integrierten Gesamtschulen gerichtet ist. Dieser Versuch ist nicht zukunftsfest und trägt nicht dazu bei, ein wohnortnahes Schulangebot zu sichern.
- Die GEW sieht unter den gegebenen Bedingungen keine Möglichkeit für einen „Schulfrieden“.

Regierung soll ihre Verweigerungshaltung beenden!
Die Regierung darf sich den berechtigten Wünschen der Eltern nicht länger verweigern.
Immer mehr Eltern wünschen eine Schule
- die mit möglichst kurzen Fahrwegen erreichbar ist, auch bei weiter rückgängigen Schülerzahlen
- die den Weg zu höheren Schulabschlüssen bis Abitur öffnet
- in der die Entscheidung über den Schulabschluss möglichst spät – am Ende der Sekundarstufe I - fällt
- die vom gemeinsamen Lernen geprägt ist
- die einen rhythmisierten Schultag in einem gebundenen Ganztag bietet, in dem den unterschiedlichen Interessen und Entwicklungsbedürfnissen der Schülerinnen und Schüler Rechnung getragen wird.

Das Abstimmungsverhalten bei den Befragungen durch die Schulträger ist eindeutig: Grundschuleltern bevorzugen die IGS, wenn sie nach ihrer Option zwischen IGS und KGS befragt werden. Auch Eltern, deren Kinder eine Gymnasialempfehlung haben, wünschen eine erweiterte Wahlmöglichkeit zwischen zwei Wegen zum Abitur, den Weg über das Gymnasium und den Weg über die IGS.

Gemeinsames Lernen erfordert eine Schule, die die Kinder nicht in schulformspezifische Klassen und Kurse sortiert, eine Schule, in der die Sekundarstufe I für alle bis zur 10. Klasse reicht. Auch in Niedersachsen müssen für die IGS ausschließlich die Regelungen gelten, die die Kultusministerkonferenz vorsieht. Die Restriktionen aus der Zeit des Anti-IGS-Kampfes der Ära Wulff (Turbo-Abitur und Dreier-Differenzierung) müssen zurückgenommen werden.

Die Regierung muss endlich die berechtigten Wünschen der Eltern und der Schulträger respektieren, die in Stadt und Land Integrierte Gesamtschulen errichten wollen und fordern, dass die Verordnung zur Schulorganisation auch vier- und dreizügige Gesamtschulen zulässt und zwar als ersetzende Schule.
Wie will die Regierung Grundschuleltern begründen,
- dass vorhandene Schulgebäude, die eine vierzügige IGS ermöglichen, nicht genutzt werden dürfen,
- dass eine unter der Bezeichnung „Oberschule“ firmierende KGS dreizügig mit einer Gymnasialklasse zugelassen werden soll, eine IGS aber nur mit mindestens fünf Parallelklassen eingerichtet werden darf,
- dass den ländlichen Regionen Niedersachsen, also der Mehrheit seiner Einwohnerschaft, die IGS damit praktisch verweigert wird,
- dass neben einer IGS Schulen aufrechterhalten werden sollen, für die es keinen Bedarf mehr gibt,
- dass IGS und Gymnasien zu schlechteren Bedingungen arbeiten sollen als die Oberschule, also mit höheren Klassenfrequenzen und ohne gebundenen Ganztag?

Die GEW stellt fest: Oberschule ist Etikettenschwindel

Unter dem Etikett Oberschulen sollen zwei unterschiedliche Schulformen versteckt werden, die kooperative Haupt- und Realschule und eine Form der Kooperativen Gesamtschule.

Beide sind altbackene Konzepte, nicht innovativ, schon gar nicht der Zukunft voraus oder ein Ersatz für die IGS. Sie halten nicht, was ihnen angedichtet wird. So gab es vor 2004 Sekundarschulen als vollständig integrierte Haupt- und Realschulen und die KGS nach dem Tarmstedter Modell hatte bis 2004 wesentlich mehr gemeinsamen Unterricht und integrative Elemente als in der Oberschule vorgesehen ist.

Die angekündigten Gestaltungsmöglichkeiten des Oberschultyps 1 mit der Kooperation von Haupt- und Realschulen in einer Schule sind nach der derzeitigen Erlasslage bereits möglich. Mehr als die Hälfte dieser Schulen arbeiten schon kooperativ. Wie bisher verlautet, sollen die Bildungsgänge in der Sekundarstufe I für die Hauptschule weiterhin nur 9 Schuljahre betragen, für die Realschule 10. Die Hauptfächer sollen in der HS/RS schulformbezogen unterrichtet werden. Die schulformspezifische Berufsorientierung, die sich zwischen diesen Bildungsgängen stark unterscheidet, soll erhalten bleiben. Für Integrativen Unterricht bleibt da nicht viel Raum. Neu ist nur das Türschild „Oberschule“.

In der Kooperativen Gesamtschule als Oberschule Typ 2 soll nach den Ankündigungen neben den Hauptfächern auch in Naturwissenschaften und Fremdsprachen schulformbezogener Unterricht vorgesehen werden. An dieser Schule ist gemeinsamer Unterricht z.B. von Realschülern und Gymnasiasten kaum realisierbar, weil der Gymnasiale Bildungsgang in der Sekundarstufe I nur bis zur 9. Jahrgangsstufe führt.

An beiden kooperativen Schulformen können die Eltern nur bei der Anmeldung entscheiden, welche der schulformspezifischen Kurse ihre Kinder besuchen sollen. Danach erfolgt die Kurszuweisung durch Konferenzentscheid, zugespitzt: durch Zwangseinweisung in den HS-Kurs. Der Bildungsgang wird also ab Klasse fünf festgelegt. Ab Schuljahrgang 8 sollen ohnehin in beiden Oberschultypen schulformbezogene Klassen gebildet werden. Es ist also grobe Irreführung, wenn der Kultusminister in der Öffentlichkeit suggeriert, in den beiden Typen der Oberschule sei „ganz ganz viel gemeinsamer Unterricht möglich“, längeres gemeinsames Lernen sei gewährleistet und im Grunde sei der Unterschied zur IGS doch sehr gering, ja die IGS sei im Grund entbehrlich.

Welche Chancen haben die beiden Typen der Oberschule?
Ob es tatsächlich zur Gründung kleiner Kooperativer Gesamtschulen unter dem Etikett Oberschule kommen wird, ist ungewiss, weil das vorgestellte Modell davon ausgeht, dass eine Klasse mit 28 Gymnasialempfohlenen zustande kommen muss. Das ist an Standorten bisher zweizügiger Haupt- und Realschulen unwahrscheinlich. Die versprochenen gymnasialen Oberstufen können nur bei großen Kooperativen Gesamtschulen zustande kommen. Die kooperativen Haupt- und Realschulen werden wohl die Regelform. Das Anschrauben neuer Schilder an den 250 bestehenden kooperativen Haupt- und Realschulen mag die Regierung als Erfolg ihrer Politik verkaufen wollen. Was hat das gemeinsame Etikett für zwei unterschiedliche Schultypen für eine Funktion, wenn nicht Verwirrung zu stiften? Dass diese Oberschule keine reale Verbesserung ist, wird sich schnell herumsprechen.

Zweizügige kooperative HS/RS stellen keine Lösung der Hauptschulkrise dar und sind ungeeignet gefährdete Schulstandorte zu erhalten. Warum sollte an diesen Schulen der Anteil der Schüler wachsen, der den Hauptschulzweig besucht? Es ist anzunehmen, dass bei der Verbindung von HS und RS die Abwanderung der Realschulklientel zum Gymnasium zunehmen wird.

Wenn die Regierung von der Attraktivität ihres Oberschulkonzeptes überzeugt wäre, würde sie diese Schulen nicht vor der Konkurrenz der Integrierten Gesamtschulen zu schützen versuchen und fairen Wettbewerb zulassen.

Die GEW wendet sich gegen die Hysterie, die der Philologenverband und seine Derivate verbreiten. Die Existenz der Schulform Gymnasium ist bei der Errichtung neuer Integrierter Gesamtschulen nicht gefährdet. Mehr als 40 Prozent eines Schuljahrgangs besuchen ein Gymnasium. Es ist die stabilste Schulform und daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Gymnasiale Bildung wird bei Errichtung von IGSn auf eine breitere Basis gestellt und mehr Kindern und Jugendlichen zugänglich. Das wissen mehr Eltern denn je zu schätzen, weil es Bildungsmöglichkeiten erweitert.

Die GEW bleibt aktiv
- Die GEW setzt sich auf allen Organisationsebenen für die Gründung neuer Integrierter Gesamtschulen ein.
- Die GEW arbeitet mit anderen politischen Kräften zusammen, die das Ziel verfolgen, Integrierte Gesamtschulen ohne Wenn und Aber zu ermöglichen.
- Die GEW wendet sich gegen die anhaltende Diskriminierung der IGS in Niedersachsen – gegen das Turbo-Abitur und die Differenzierungsvorschriften, die über die KMK-Bestimmungen hinausgehen.
- Die GEW fordert für alle Schulformen kleine Klassen und die Verbesserung der Ganztags-Ausstattung, die Bevorzugung der Oberschulen ist ein durchsichtiges Manöver.
- Die GEW informiert vor Ort über ihre Beurteilung der Oberstufe und nimmt Einfluss auf Eltern und Kommunalpolitiker und der Kommunalverwaltung.
- Die GEW unterstützt in allen Kreisverbänden das Volksbegehren für gute Schulen, um ihm zu noch mehr Erfolg zu verhelfen.