Die inklusive Schule - Ein Leitfaden der GEW Niedersachsen für die Umsetzung der UN-Konvention zum Schutz der Menschenrechte von Menschen mit Behinderung in der Schule

2010-11-18
Die inklusive Schule - Ein Leitfaden der GEW Niedersachsen für die Umsetzung der UN-Konvention zum Schutz der Menschenrechte von Menschen mit Behinderung in der Schule
Beschluss des Landesvorstands
Bildung

Im März 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Die Bundesrepublik hat die Verpflichtung übernommen, die UN-Konvention umzusetzen.
Regelungen für den Bereich der Bildung regelt die UN-Konvention im § 24. Dort wird aufgeführt, dass Menschen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und Kinder mit Behinderungen nicht vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden können. Dies bedeutet, dass jedes Kind einen gleichberechtigten Zugang zum Unterricht an einer Grundschule und weiterführenden Schule haben soll. Die Vertragsstaaten stellen sicher, „dass angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden“.
Dieser Prozess geht über die reine Schulpädagogik hinaus. Unbedingt notwendig sind auch politische Initiativen zur Verbesserung der Lebens- und Bildungsbedingungen in Schule wie auch solche, die sich auf die uneingeschränkte Teilhabe aller Menschen über ihre ganze Lebensspanne beziehen.

Schule in Niedersachsen

Um jeder Schülerin und jedem Schüler Zugang zu einem inklusiven Bildungssystem zu gewährleisten, hat jede Landesregierung die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. Dies betrifft den gesellschaftlichen Rahmen zur Teilhabe der Menschen mit Beeinträchtigungen, die materiellen und personellen Voraussetzungen, die Überwindung des gegliederten Schulsystems wie auch die Lehr- und Lernprozesse selbst.
In der Schule sind selektierende Prozesse und Strukturen zu überwinden. Eine zu entwickelnde inklusive Pädagogik setzt auf die Vielfalt kindlicher Lernentwicklungen, Interessen und Bedürfnisse. Sie lehnt die Sonderpädagogisierung von Lernproblemen ab und plädiert an Stelle äußerer Differenzierung in spezielle Schularten für individuelles Lernen und innere Differenzierung im Rahmen offener, flexibler, Vorhaben- und Projekt-orientierter Lernformen. Gemeinsames Lernen ist Voraussetzung, um Verschiedenheit akzeptieren zu lernen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass das gegliederte Schulsystem aufzuheben ist. Ebenso ist die Einrichtung von Ganztagsschulen ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen inklusiver Schulen.

Schulgesetzänderung erforderlich

Aus dem Kultusministerium sind Ansagen zu hören, dass eine Schulgesetzänderung bis Ende 2010 erfolgen soll.
Die GEW Niedersachsen fordert, im § 4 des NSchG den Nebensatz (…“wenn auf diese Weise dem individuellen Förderbedarf (…) entsprochen werden kann und soweit es die organisatorischen, personellen und sächlichen Gegebenheiten erlauben“) zu streichen.
Alle SchülerInnen erhalten an einer allgemeinen Schule die individuelle Unterstützung und Förderung im Rahmen des Gemeinsamen Unterrichts. Die allgemeine Schule wird zum Lebens- und Bildungsort für alle Kinder.
Der Schulträger hat die Voraussetzungen für eine Barrierefreiheit der Bildungseinrichtungen zu schaffen. Neue Förderschulen werden nicht mehr gegründet und bestehende Förderschulen werden nach und nach in allgemeine Schulen überführt.

Schritte zu einer inklusiven Schule

Die GEW fordert vom Land Niedersachsen eine systematische Rahmenplanung mit klaren Ziel- und Zeitvorgaben und verlässlichen Bedingungen.
Dabei ist der Prozess hin zur inklusiven Schule von der allgemeinen Schule her zu denken, nicht von der Sonderpädagogik.
Die allgemeine Schule ist aufgefordert und muss in die Lage versetzt werden, sich grundsätzlich der Heterogenität zu öffnen. Die pädagogische Vorstellung eines Lehrens und Lernens im Gleichschritt ist zu überwinden. Das Prinzip des sozialen Vergleichs über die Notengebung ist abzuschaffen zugunsten einer individualisierten Lern- und Leistungsbeschreibung. Die Gesamtverantwortung für alle Kinder liegt bei der allgemeinen Schule; Inklusion muss als gemeinsamer Schulentwicklungsauftrag verstanden werden.

Wohl wissend, dass eine inklusive Schule nicht von heute auf morgen realisierbar ist, setzen wir uns für eine schrittweise Realisierung eines inklusiven Systems ein.
- Die vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen aus dem Bereich der Sondereinrichtungen sind schrittweise in die allgemeinen Bildungseinrichtungen zu verlagern. Dabei bleiben die vorhandenen personellen Ressourcen bei den zukünftig zurückgehenden SchülerInnenzahlen im System erhalten und werden bedarfsgerecht ausgeweitet.

- In den Regionen, in denen eine personelle Infrastruktur für spezielle Förderschwerpunkte noch nicht vorhanden ist, muss diese zur Verfügung gestellt werden.

- Förderpädagogisch qualifiziertes Personal muss grundsätzlich an jeder allgemeinen Schule vorhanden sein. Multiprofessionelle Teams bestehen aus Lehrkräften der allgemeinbildenden Schulen, SonderpädagogInnen, sozialpädagogischen Fachkräften sowie TherapeutInnen und Pädagogischen MitarbeiterInnen; sie sind an den einzelnen Schulen angesiedelt. Schulsozialarbeit ist an jeder Schule zu installieren.

- Die Landesschulbehörde legt Bezirke fest, für die ´Regionale Beratungszentren´ eingerichtet werden. Diese haben die Aufgabe, die allgemeinen Schulen in allen Fragen besonderer Bedarfe zu unterstützen. Sie sollen die fachliche Qualität des Unterstützerpersonals sichern, Fortbildungsmaßnahmen vorbereiten und durchführen, Beratung anbieten. Es ist zu klären, wer die Ressourcen-Verteilung vornimmt. In diesen Beratungszentren werden interdisziplinäre Teams eingesetzt. Dazu gehören z.B. SonderpädagogInnen, Dipl. Sozialpädagoginnen und Dipl. SozialarbeiterInnen, TherapeutInnen, GesundheitsberaterInnen, PsychologInnen, Fachkräfte für interkulturelle Bildung usw.

- Für die Förderschwerpunkte Lernen, Sprache und Emotionale/Soziale Entwicklung gibt es eine pauschale, systembezogene Zuweisung von FörderschullehrerInnen- und Dipl. Sozialpäd.-/SozialarbeiterInnenstunden für alle Grundschulen und alle Schulen in der Sekundarstufe-I. Das Unterstützerpersonal gehört dienstrechtlich zu diesen Schulen. Die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs einzelner SchülerInnen und damit deren Etikettierungen entfallen.

- Für die Förderschwerpunkte Geistige Entwicklung, Körperliche und Motorische Entwicklung sowie Hören und Sehen ist für eine Übergangszeit noch ein Verfahren für die Verteilung der Ressourcen je nach individuellem Förderbedarf festzulegen.

- Zur Förderung von SchülerInnen, die zusätzliche Unterstützung in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung benötigen, ist eine vertraglich geregelte und auch institutionell abgesicherte Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe unabdingbar.

Arbeitsbedingungen des Personals

Die Orientierung an den Prinzipien der Heterogenität und des gemeinsamen Lernens erfordert mehr Zeit für die Kooperation des pädagogischen Personals und mehr Zeit für die individuelle Förderung der Kinder. Deshalb sind kleinere Lerngruppen und eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung/Arbeitszeit des schulischen Personals unabdingbar.

Aus- und Fortbildung

Intensive Fortbildungsmaßnahmen, die zu einem gemeinsamen Unterricht befähigen, sind für alle in Schule Beschäftigten vorzuhalten. Die Ausbildung von LehrerInnen sowie Sozialpädagogischen Fachkräften, ErzieherInnen und TherapeutInnen qualifiziert zukünftig für den gemeinsamen Unterricht aller Schülerinnen und Schüler.