Für ein zukunftsfähiges Schulsystem in Niedersachsen: Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ist keine Lösung

2007-10-09
Für ein zukunftsfähiges Schulsystem in Niedersachsen: Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ist keine Lösung
Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert den Niedersächsischen Kultusminister auf, sich der Auseinandersetzung um eine zukunftsfähige Schulstruktur offen zu stellen und sich vor dieser Frage nicht länger zu drücken. Bis jetzt erklärt Kultusminister Busemann apo¬diktisch, mit ihm gäbe es keine Debatte um eine Veränderung der Schulstruktur.

Die offiziellen Mitteilungen des Ministeriums zeigen in den letzten Monaten dennoch eine Variation. Während der Minister in den ersten Jahren seiner Amtszeit davon ausging, seine Maßnahmen der Stärkung der Hauptschulen würden den Trend der Abwendung der Eltern von dieser Schulform umkehren, verweist er jetzt häufiger auf die erfolgreiche und im Lande weit verbreitete Kooperation von Haupt- und Real-schulen. Damit stellt er sich gegen die von ihm vertretene Politik, die die „begabungstheoretisch“ begründete Abkopplung beider Schulformen in den Kerncurricula, den Stundentafeln, den unterschiedlichen Praxisanteilen materialisiert hat und die die Kooperation beider Schulformen erschwert.

Die GEW stellt dem Minister die Frage, was er mit dem Hinweis auf die Kooperation von Haupt- und Realschulen denn für die zukünftige Schulentwicklung andeuten will. Will er nach den Wahlen, so denn die konservative Mehrheit im Landtag erhalten bleibt, sein Heil in der Zusammenlegung dieser Schulformen suchen? Das so genannte Zwei-Säulen-Modell wird inzwischen von der CDU in verschiedenen Bundesländern wie Hamburg und Berlin vertreten.

Die Anmeldezahlen zeigen es in jedem Jahr von neuem: Die „Stärkung der Hauptschulen“ ist misslungen. Seit Kultusminister Busemann die Hauptschulen „begabungsgerecht stärkt“, haben die Eltern diese Schulform immer weniger angewählt. Die Anmeldequote in die Eingangsklassen der Hauptschule hat sich mehr als halbiert. Es ist nach Auffassung der GEW verständlich, dass die Eltern für ihre Kinder die Entwicklungsmöglichkeiten offen halten wollen. Sie akzeptieren weniger denn je eine Schulform, die die Bildungsansprüche auf einen angeblich „praktischen Begabungstyp“ reduziert. Die Abwendung der Elternschaft von der Hauptschule ist ein bundesweiter Trend, aber in keinem Bundesland ist er so heftig wie in Niedersachsen. Während der Kultusminister nach außen noch vehement die Konzeption des 4-gliedrigen Schulsystems vertritt, witzeln bereits seine Fraktionskollegen öffentlich, er könne nicht Landtagspräsident werden, weil er doch nach den Wahlen die Hauptschulen abwickeln müsse.

Der Rückgang der Anmeldungen in die Hauptschule gefährdet den Bestand vieler Schulstandorte. Mehr als die Hälfte der Hauptschulen ist nach den Bestimmungen des Grundsatzerlasses gefährdet. Die Kollegien und die Kommunen suchen nach Lösungen, um auch in Zukunft ein wohnortnahes Schulangebot für alle Schülerinnen und Schüler aufrechterhalten zu können. Unter den gegenwärtigen schulgesetzlichen Vorschriften gibt es oft keine andere Möglichkeit, als Haupt- und Realschulen zusammenzulegen. Dies ist unter den gegebenen Bedingungen aber nur eine organisatorische Kooperation. Die Trennung der Bildungsgänge bleibt bestehen. Eine pädagogische Lösung würde dagegen zum Inhalt haben, die Trennung der Bildungsgänge aufzuheben und jeder Schülerin und jedem Schüler den Zugang zu den Anforderungen und Entwicklungschancen aus jedem Bildungsgang zu ermöglichen. Diese Möglichkeiten bietet die Integrierte Gesamtschule, die alle Bildungsgänge enthält. Die Eltern, die ihre Kinder jetzt an Realschulen anmelden, erwarten, dass ihnen der Weg zum Abitur offen bleibt. Sehen sie diese Chance gefährdet, würden sie sich für eine Anmeldung am Gymnasium entscheiden. Ein Zwei-Säulen-Modell entspricht weder den Grundsätzen einer modernen individuell fördernden Pädagogik noch den Erwartungen der Elternschaft.

Kultusminister Busemann polemisierte des Öfteren, wer die Zukunft der Hauptschulen schwarz male, wer von drohenden Schulschließungen rede, missachte die Interessen ihrer Absolventinnen und Absolventen. Die GEW erklärt daher zum wiederholten Mal: Die GEW vertritt auch die Interessen der Hauptschülerinnen und Hauptschüler. Sie dürfen nicht als angeblich „praktisch Begabte“ diskriminiert und in ihrer Entwicklung begrenzt werden. Sie müssen alle Entwicklungsmöglichkeiten eingeräumt bekommen. Dafür hat die GEW ein deutliches Zeichen gesetzt. Die Klassenlehrer vieler Hauptschulen nahmen mit ihren Klassen das Ange¬bot des DGB und der GEW Niedersachsen an, um gegenüber dem Landtag für das Recht auf Ausbildung für alle Schulabsolventen zu demonstrieren, das ihnen von der Niedersächsischen Landesregierung verweigert wird.