Die inklusive Schule – eine Schule für Alle

2009-09-29
Die inklusive Schule – eine Schule für Alle
Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz
Herkunft und Definition des Begriffs „Inklusion“

Der aus dem Englischen stammende Begriff Inklusion geht weit über den Rahmen der bisher in Deutschland praktizierten Integration mit gemeinsamem Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf hinaus.

Die Konvention zum Schutz der Menschenrechte von Menschen mit Behinderung präzisiert und ergänzt bereits bestehende menschenrechtliche Standards unter dem besonderen Blickwinkel der Menschen mit Behinderung. Behinderung wird als normaler Bestandteil menschlichen Lebens und als Quelle kultureller Bereicherung in der Gesellschaft verstanden. Die Konvention fordert von Staat und Gesellschaft die freiheitliche und soziale Inklusion von Menschen mit Behinderung.

Inklusion bedeutet somit das (schulische) Zusammenleben aller ohne Separation nach verschiedenen Merkmalen wie z. B. Geschlecht, kultureller, sprachlicher, ethnischer Herkunft, unterschiedlicher Bildungs- und Lernerfahrungen, unterschiedlicher sozialer Hintergründe, kognitiver Fähigkeiten etc.

Befürworter der Inklusion gehen davon aus, dass Heterogenität die Normalität darstellt. Sie plädieren für eine Schule, die die Bildungs- und Erziehungsbedürfnisse aller SchülerInnen zu befriedigen hat.
Mit der Zielsetzung einer inklusiven Schule bietet sich die Chance, die Diskussion um die Qualität von Schule, die bislang fast ausschließlich am (kognitiven) Leistungsoutput festgemacht wird, um wesentliche Aspekte zu erweitern.

1. Die GEW fordert die vollständige Umsetzung der UN-Konvention „Convention on the Rights of Persons with Disabilities“; United Nations 2006; und damit eine Schule für Alle ohne Aussonderung.


Ein Leitfaden für die Umsetzung der Konvention zum Schutz der Menschenrechte von Menschen mit Behinderung in der Schule

1. Schulische Inklusion - auch in Niedersachsen!

Niedersachsens Bildungspolitik setzt außergewöhnlich stark auf die „Sortierung“ der SchülerInnen und Schüler. Weniger als 5% aller SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen eine Regelschule. Unter den FörderschülerInnen finden sich überproportional viele Kinder mit Migrations- und/oder Armutshintergrund.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass die gemeinsame Beschulung von Schülerinnen und Schülern allen mehr Möglichkeiten persönlicher Entwicklung bietet und effektiver ist.

Anlässlich der Ratifizierung der UN- Konvention ist auch das Land Niedersachsen aufgefordert, konkrete Schritte hin zu einer vollständigen Inklusion der SchülerInnen, die auch sonderpädagogisch zu fördern sind, zu gehen.

Nötig ist eine systematische Rahmenplanung:
Das Land und die Schulträger müssen rechtsverbindlich verpflichtet werden, die personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen in einem festzusetzenden Zeitabschnitt zu schaffen.


2. Forderungen der GEW für Niedersachsen

2.1 Gesetzesgrundlagen

Im § 4 des NSchG ist der Nebensatz (…“wenn auf diese Weise dem individuellen Förderbedarf (…) entsprochen werden kann und soweit es die organisatorischen, personellen und sächlichen Gegebenheiten erlauben“) zu streichen.

Die individuelle (sonderpädagogische) Förderung aller SchülerInnen findet grundsätzlich in den Regelschulen im gemeinsamen Lernen statt. Bestehende Förderschulen werden nach und nach zu Regionalen Unterstützungszentren als Schulen ohne Schüler umgewandelt. Neue Förderschulen werden nicht mehr gegründet.

2.2 Voraussetzungen in der Schulstruktur - Schritte zu einer inklusiven Schule

Für die Förderschwerpunkte „Lernen“, „Sprache“ und „Emotionale/Soziale Entwicklung“ gibt es eine pauschale Zuweisung von FörderschullehrerInnen-Stunden für alle Grundschulen und alle Schulen in der Sekundarstufe I.

Die pauschale Stundenzuweisung von FörderschullehrerInnen-Stunden muss eine Binnendifferenzierung in heterogenen Gruppen ermöglichen unter Berücksichtigung der Schulform und der Sozialstruktur in der Region.

In Regionen kann die pauschale Stundenzuweisung unterschiedlich sein. Die Feststellung des „sonderpädagogischen Förderbedarfs“ einzelner SchülerInnen (Gutachten) entfällt.

Für die Förderschwerpunkte Geistige Entwicklung, Körperliche und Motorische Entwicklung sowie Hören und Sehen findet zunächst noch eine individuelle Beschreibung des sonderpädagogischen Förderbedarfs statt. Für die dann folgende Zuweisung der FörderschullehrerInnen-Stellen und anderer Ressourcen ist ein „Schlüssel“ festzulegen.

Alle SchülerInnen erhalten an ihrer Schule die notwendige sonderpädagogische Förderung und spezielle Hilfen überwiegend im Rahmen der Binnendifferenzierung des Unterrichts.

FachlehrerInnen, FörderschullehrerInnen und weitere Personen, die mit allen SchülerInnen arbeiten (z.B. Pädagogische MitarbeiterInnen, AssistentInnen, TherapeutInnen), arbeiten im Interesse der Kinder eng zusammen. Dabei ergänzen sich die unterschiedlichen Professionen.

Übergangsweise kann die Beschulung an einer Förderschule im Ausnahmefall noch genehmigt werden.

2.3 Aufbau regionaler Unterstützungszentren

In jeder Region werden „Regionale Unterstützungszentren“ eingerichtet, die v. a. die personellen Ressourcen verteilen, die fachliche Qualität des sonderpädagogischen Personals (Lehrkräfte, Pädagogische MitarbeiterInnen, AssistentInnen, TherapeutInnen) sichern helfen, Fortbildungsmaßnahmen vorbereiten, Beratung anbieten, ..... etc.
Die Leitung übernehmen z. B. die bisherigen Förderschulleitungen. Die Höhe der Anrechnungsstunden sollte vorerst nach fiktiven Klassen berechnet werden, um die Leitungen für ihre neuen Aufgaben ausreichend mit Zeit zu versorgen.

2.4 Sonderpädagogik im Schulsystem - sächliche und personelle Ressourcen

Als Einstieg bleiben die schon im Gesamtsystem vorhandenen personellen sonderpädagogischen Ressourcen bei den zu erwartenden zurückgehenden SchülerInnen-Zahlen im System erhalten und werden anschließend bedarfsgerecht ausgeweitet. Für einige spezifische Bereiche (Förderschwerpunkte) und in Regionen, in denen die personelle Infrastruktur noch nicht vorhanden ist, müssen für die Errichtung eines inklusiven Schulsystems ausreichend sächliche und personelle Ressourcen von Grund auf zur Verfügung gestellt werden.

2.5 Aus- und Fortbildung

Die Ausbildung von LehrerInnen und ErzieherInnen qualifiziert zukünftig für einen gemeinsamen, inklusiven Unterricht aller Schülerinnen und Schüler.

Außerdem werden umfassende Fortbildungsmaßnahmen für LehrerInnen und ErzieherInnen angeboten, die die Schwerpunkte auf Themen wie z. B. „binnendifferenzierender Unterricht“, „Kooperation des pädagogischen Personals“ legen und zu einem didaktisch-methodisch kompetenten gemeinsamen Unterricht befähigen.